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Die Steine der Synagoge reden wieder

Zur Geschichte und Botschaft eines Mahnmals



Überraschend und außergewöhnlich:
Ein Rundbogen mit hebräischen Schriftzeichen, neben der Evangelischen Kirche auf einem exponierten Platz der Stadt. Was wollen diese Steine sagen, welche Botschaften sollen sie verkünden?

Bereits der Standort spricht für sich: Hier, auf dem „Hewwel“ steht seit 50 Jahren das Mahnmal für die Opfer der beiden Weltkriege. Erstaunlicherweise zeigt es nicht einen sterbenden Soldaten, wie das so oft zu sehen ist, und erfreulicherweise wiederholt es auch nicht die verlogene Phrase „Wir starben, damit ihr leben könnt“. In kluger und einfühlsamer Symbolik wurde ein zeitloses, leises und deshalb umso wirkungsvolleres Zeichen gesetzt gegen Krieg und Tod. Hier steht eine Mutter, die beschützend ihre Hand über ihr spielendes Kind hält. Die Statue schließt das Denkmal an der Evangelischen Kirche ab, aber die Mutter steht am Weg zur Katholischen Kirche.

Sie verweist auf Mutter Maria, die in der Katholischen Kirche eine bedeutende Rolle spielt. Standort und Statue drücken Versöhnung zwischen beiden christlichen Gemeinden, Überwindung der Gegensätze zwischen den Konfessionen aus. In der Statue der Mutter als Sinnbild des Lebens ist das schreckliche und sinnlose Sterben, der Krieg schlechthin überwunden. Diese Botschaft des christlichen Mahnmals links von der Kirche wird nun ergänzt durch die Steine der ehemaligen Synagoge rechts von der Kirche. So wird eine gute Beziehung hergestellt, eine notwendige Balance der Erinnerung um das Zentrum der „Gotteshäuser“. Der Ursprung des christlichen aus dem jüdischen Glauben wird symbolisch erkennbar. Die Steine sollen anstelle der ehemaligen jüdischen Mitbürger reden. Sie selbst wurden zum Schweigen gebracht, nun werden diese Steine zu Erinnerung, Gedenken und Mahnung reden.

Portal der ehemaligen Synagoge

Der obere, steinerne Halbkreis schloß ursprünglich das Portal, den Eingang zur Synagoge in Obermoschel ab. Die darunter stehenden Steintafeln symbolisieren die Tür zur Synagoge, die rechte ist etwas nach vorn gerichtet, leicht geöffnet, als lade sie zur Einkehr ein. 3 Inschriften interpretieren 3 Epochen unserer Geschichte.

Die erste Inschrift erinnert an über 600 Jahre christlich-jüdischer Kultur – bereits 1429 wurde dem „Juden Salman“ ein Bergwerk im Selberg verliehen, frühere Zeugnisse jüdischer Kultur sind zu vermuten. In den folgenden Jahrhunderten erlitt die Minderheit die Verfolgungen und Pogrome wie überall in Europa, ehe sie sich ab dem 19. Jahrhundert als gleichberechtigten Teil der Bürgerschaft fühlen konnte. Die Einweihung der repräsentativen Synagoge 1844 drückt Selbstbewusstsein und Emanzipation aus.

Zum Gedenken ruft die zentrale, zweite Inschrift auf. Unvorbereitet, brutal und menschenverachtend traf die Bürger eine verbrecherische Rassenpolitik des III. Reiches. Als die Synagogen in der Reichspogromnacht 1938 geschändet wurden, als die letzten Bürger in das französische Sammellager Gurs am Fuße der Pyrenäen verschleppt wurden, das wenige überlebten, war die jüdische Kultur der Stadt grausam beendet worden. Die Botschaften dieser beiden Tafeln, die Vergangenheit festhalten, fließen in der zentralen Botschaft des gesamten Mahnmals zusammen:
Aus dem Bewusstsein der eigenen Traditionen und in Verantwortung vor der Geschichte mahnt die dritte Inschrift zu friedvollem Miteinander in Gegenwart und Zukunft. Allen drei ethischen Appellen steht die jeweilige Nutzung der Synagoge im Laufe der Jahrhunderte gegenüber. Dieses Ensemble bewahrt einen wichtigen Aspekt der Obermoscheler Geschichte. In der Nähe zur ehemaligen Synagoge, der Synagogenstraße und dem „Matzenberg“ wird die Erinnerung an das Zentrum der jüdischen Gemeinde und zugleich an einen bedeutenden Teil der städtischen Geschichte erhalten. Christliche und jüdische Zeitrechnung nennen zwar andere Ziffern und Namen, meinen aber das gleiche Datum. Gibt es ein deutlicheres Zeichen gemeinsam erlebter Zeit?

Mit diesem Mahnmal wurde ein lang gehegter Plan Wirklichkeit: Vor über 30 Jahren – 1972/73- konnten die Steine des Synagogenportals vor der Müllkippe gerettet werden. Seit dem Jahr 2000 arbeiteten wir an der Realisierung. Briefe um finanzielle Unterstützung fanden wenig Gehör, zu zahlreiche Absagen von zuständigen Institutionen, sehr heftige, unsachliche Kritik ließen zuweilen den Gedanken ans Aufgeben zu. Doch dauernde emotionale Unterstützung, kleine und große Spenden selbst aus den USA, engagierte Mitarbeit Vieler drängten zum Durchhalten.

Am Freitag, den 10. November 2006 konnte dann endlich das Mahnmal der Öffentlichkeit übergeben werden. In einem beeindruckenden ökomenischen Gottesdienst erinnerte Dekan Stefan Dominke an die schrecklichen Verbrechen des Dritten Reiches. Jiddische Lieder, die Frau Silke Loettel – Forderer sehr überzeugend vortrug, ließen Erinnerungen an die ehemalige jiddische Kultur der Pfalz wach werden. Prof. Dr. Rainer Schlundt erläuterte die Botschaft des Mahnmals, das Bläserensemble der Kantorei umrahmte feierlich den Gottesdienst.
Über 400 Besucher aus nah und fern zeigten ihre Zustimmung zu den Botschaften des Mahnmals und seiner Initiatoren.
Zur anschließenden Enthüllung und Einweihung sprachen die Vertreter der Kirchen, der Jüdischen Kultusgemeinde der Pfalz und Repräsentanten der politischen Öffentlichkeit . Während die Namen der ermordeten Bürger und Familien verlesen wurden, legte Frau Mackie McMakin, die Enkelin des „Uhren – Strauß“ einen Stein nieder: Der alte Brauch lebte wieder auf, ein Überrest jüdischer Kultur. Diese eindrucksvolle, würdige Feier und das Mahnmal sind zum Zeugnis einer ganzen Stadt geworden. Ihre Bürger bekennen sich damit zur Verantwortung vor ihrer Geschichte. Sie haben Marksteine der Erinnerung aufgerichtet, in Verneigung vor den Toten und dem Bekenntnis:

Nicht mehr, wie schon einmal, zu schweigen zu Unrecht und Gewalt!

Text: Prof. Dr. Rainer Schlundt und Dekan Stefan Dominke

http://obermoschel.de/seiten/synagoge.htm 22:06 18.11.2011 Nach oben...