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Der Automobilzulieferer Keiper

Aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet dieses Buch die Geschichte des Automobilzulieferers Keiper, einem international führenden Spezialisten für Fahrzeugsitze und -komponenten. 1920 in Remscheid gegründet, ging das Unternehmen nach über 90 Jahren erfolgreicher Entwicklung 2011 an den Konzern Johnson Controls über. Persönliche Lebenserinnerungen wechseln sich ab mit einer vierteiligen Chronik und werden ergänzt durch Interviews, Beobachtungen und Fachaufsätze.

Die Autoren: Dr. Rolf Bartke, Prof. Werner Breitschwerdt, Elmar Deegener, Werner Hollenbach, Hans-Jürgen Honecker, Fritz Keiper, Johannes Roters, Tilman Schäfer, Jürgen R. Thumann, Theo Wolf, Michael Zerhusen.

Die Herausgeber: Ulrich Putsch, geb. 1937, Enkel von Fritz Keiper, leitete als Eigentümer und Geschäftsführer über viele Jahrzehnte die Geschicke der Unternehmensgruppe Keiper, später Keiper Recaro. Im Februar 2002 übernahm sein Sohn Martin Putsch, geb. 1967, in vierter Generation die Verantwortung für das Familienunternehmen. Seit dem Verkauf des Automobilgeschäfts leitet Martin Putsch die Holding der neu formierten Recaro Group.

Eine deutsche Firmengeschichte

Kein klassisches „Geschichtsbuch“, sondern eine unterhaltsame Sammlung von Ereignissen, Beobachtungen, Kommentaren und Fakten: Auf über 300 Seiten entsteht in der Firmenhistorie „In Bewegung“ ein abwechslungsreiches, oft persönliches, immer informatives Portrait des Automobilzulieferers Keiper, Kaiserslautern – von der Gründung 1920 in Remscheid bis zum Verkauf an den Konzern Johnson Controls im Jahr 2011.

In der beeindruckenden 125-jährigen Geschichte des Automobils standen und stehen sie stets in zweiter Reihe: die Zulieferer. Ihre Pionierleistungen, ihr Innovationspotenzial und ihre technisch herausragenden Lösungen sind und bleiben jedoch entscheidende Erfolgsfaktoren. Das im Dezember 2011 veröffentlichte Buch „In Bewegung“ gibt Einblicke in die Entwicklung, in Wachstum und Herausforderungen eines typisch mittelständischen, deutschen Familienunternehmens in der Rolle eines „Hidden Champions“: Keiper belieferte mit rund 6.000 Mitarbeitern weltweit alle global aktiven Automobilhersteller mit hoch leistungsfähigen Sitzkomponenten und -strukturen.

Das mit insgesamt über 280 Fotografien und Grafiken aus dem Keiper-Firmenarchiv reich bebilderte Buch beginnt mit den Lebenserinnerungen des Firmengründers Fritz Keiper – einem Hufschmied aus der Nordpfalz, der nach Lehr- und Wanderjahren den Mut hatte, sich mit einer eigenen Firma selbstständig zu machen. Dieses und ein weiteres autobiografisches Manuskript eines langjährigen Keiper-Mitarbeiters werden ergänzt von einer Firmenchronik in vier Kapiteln: Sie beschreibt die Entwicklung von Keiper – mit Blick auf die Menschen, die Produkte, die Standorte, die automobiltechnische Entwicklung und nicht zuletzt auf das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umfeld. Zwei Interviews, drei Beiträge von Keiper-Geschäftsführern, drei Aufsätze von früheren Mitgliedern im Aufsichtsrat bzw. Beirat des Unternehmens – darunter Prof. Werner Breitschwerdt und Jürgen R. Thumann – sowie der Ausblick eines Johnson Controls Managers auf die Zukunft des Unternehmens runden die vielfältigen Sichtweisen auf eine bewegte und bewegende Firmengeschichte ab.

Im Anhang ergänzen eine Weltkarte mit den Keiper-Standorten, Diagramme zu Umsatz- und Mitarbeiterzahlen, ein Familienstammbaum und ein ausklappbarer Überblick mit den wichtigsten Meilensteinen die Darstellung der 91-jährigen Firmengeschichte von Keiper. Das hochwertig verarbeitete Hardcover-Buch ist zum Preis von 29,90 Euro (inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten) per E-Mail unter info@pkg-holding.com oder telefonisch unter +49 (0) 631 31071827 zu bestellen.



Leseprobe

Fritz Keiper: Mein Weg

In seinen Lebenserinnerungen bis 1939 beschreibt der Firmengründer die Familiengeschichte und seine private wie berufliche Entwicklung – das handschriftliche Manuskript ist hier originalgetreu wiedergegeben

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hämmerte es vom frühen Morgen bis in den Abend hinein in der Schmiede eines Dorfes in der bayrischen Pfalz. Klar und hell drang der Schall der Hammerschläge vom Amboss hinaus durch die Türe und die beiden Fenster, die nach der Dorfstraße führten, und durch die an der entgegengesetzten Wand befindliche Türe, durch welche man über den Hof des Grundstückes in das dahinterstehende Wohnhaus gelangte, und weit darüber hinaus über die Dächer hinweg gegen die den Ort einkreisenden Bergrücken, im Echo wieder zurückschwingend.

Die Schmiede war, wie überall in den Dörfern der damaligen Zeit, nicht groß und denkbar einfach eingerichtet. Johannes Keiper war der Schmied und der Besitzer dieses Grundstückes, und Unkenbach heißt die Ortschaft. Still und geruhsam, ohne jede Hast lösten sich die Tage ab, und die Wege, die man zurückzulegen hatte, wurden mit den einfachsten Mitteln geschafft, mit „Schusters Rappen“. Es gab auch schon Wagen, die auf eisernen Schienen liefen und die von einer Dampfmaschine gezogen wurden.

Diese neuartigen und schnelleren Fortbewegungsmittel befuhren aber erst wenige Strecken der damaligen deutschen Bundesstaaten, und die Bewohner von Unkenbach hatten von diesen neuen Eisenbahnen gehört, aber noch keine gesehen, waren geschweige denn damit gefahren. Wohl oder übel musste man sich auf seine eigenen Beine verlassen oder auf diejenigen der Pferde. Das war schon so gewesen, als ein halbes Jahrhundert vorher Napoleon I. ganz Europa erobern wollte und auch schon mehr als 2.000 Jahre früher, als Hannibal vor den Toren Roms erschien. Solange aber auch gab es Männer, die Wagen bauten und die Hufe der Pferde mit Eisen beschlugen.

In all diesen langen, langen Jahren waren die Handwerkszeuge zur Verrichtung dieser Arbeiten ungefähr dieselben geblieben, und so bediente sich der Schmiedemeister Johannes Keiper von Unkenbach der allereinfachsten Mittel zur Herstellung von Wagen und zum Beschlagen der Pferde. Ein Blasebalg hing von der Decke der Schmiede und erzeugte den Wind für das Schmiedefeuer, indem man mit der Hand einen Hebel des Blasebalges in Bewegung setzte. Neben diesem Blasebalg war ein Amboss auf einem wuchtigen eisernen Klotz befestigt, das Hauptwerkzeug der Schmiede. Eine Bohrmaschine einfachster Bauart und mit der Hand zu betreiben, eine Werkbank mit einem Schraubstock, ein Hufbeschlagstuhl und Hämmer und Zangen in den verschiedensten Formen und Ausführungen vervollständigten die Einrichtung und genügten den Schmieden der damaligen Zeit, die Hufeisen und Hufnägel zu schmieden, die Pferde zu beschlagen und die Wagen und Ackergeräte für die Bauern zu fertigen.

Das in der Wildnis lebende Pferd nützt seine Hufe nicht mehr und nicht weniger ab, als dies für den Huf gut und zweckmäßig ist. Nur wenn das Pferd zur Arbeit herangezogen wird, sei es zum Reiten oder zum Ziehen von Lasten, dann ist die Abnutzung der Hufe eine stärkere, und um diese zu starke Abnutzung zu verhindern, muss der Huf mit einem Eisen beschlagen werden. Ein Pferd, dessen Hufe nicht in Ordnung sind und das daher zur Arbeit nicht zu gebrauchen ist, ist wertlos und daher ein guter und zweckentsprechender Hufbeschlag eine unbedingte Notwendigkeit für das Pferd und dessen Besitzer. Tüchtige Hufbeschlagschmiede waren daher zu allen Zeiten gesuchte und geschätzte Handwerker, und ein Pferd mit schlechten oder gar kranken Hufen so zu beschlagen, dass es ohne Schmerzen laufen kann, ist mehr oder weniger eine Kunst. Ein Pferd gut und richtig zu beschlagen, will daher gelernt sein, und zur Erlernung dieser Kunst sollten drei Jahre genügen. Hatte aber ein Schmiedemeister durch seine Tüchtigkeit einmal einen guten Ruf erworben, dann konnte er die Wahrheit des Spruches in angenehmer Weise in eigener Person feststellen, nämlich dass das Handwerk goldenen Boden hat.

Diese Feststellung musste auch Johannes Keiper aus Unkenbach gemacht haben, denn er hatte zwei Söhne, die er beide zu sich in die Lehre nahm. Der jüngere davon, der Peter hieß, trat im Jahre 1853 als dreizehnjähriger Junge als Lehrling in das väterliche Geschäft. Er war schon in der Schule ein heller und aufgeweckter Junge und immer einer der Besten der Klasse und wohl geeignet gewesen zu einem Beruf, bei dem weniger die Fäuste, vielmehr aber die Stirne in Ordnung sein mussten. Weitab von Unkenbach aber befanden sich die höheren Schulen, und außerdem brauchte der Vater Hilfe in der Schmiede, also wurde der Peter Schmied. Die Tage vergingen und damit auch die drei Lehrjahre des wackeren Jungen. Er wurde Geselle und arbeitete und lernte als solcher weiter im väterlichen Geschäft. Aber es kam die Zeit, wo er ausgelernt hatte und beim Vater nichts mehr hinzulernen konnte. Inzwischen war der Peter 20 Jahre alt und groß und stark geworden. Der tägliche Umgang mit dem harten Metall und der gute Appetit hatten das Ihre getan. Der Peter warf sein Felleisen über die Schulter und ging auf die Wanderschaft.

Peters Wanderjahre

In Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, betrat der Peter, nachdem er Abschied von Eltern, Geschwistern, Freunden und Bekannten genommen hatte, die Landstraße und wanderte dem Sonnenaufgang entgegen. Zur damaligen Zeit war es Brauch der Schmiedegesellen, die auf Wanderschaft waren und Arbeit suchten, in die Schmiede einzutreten, sich in strammer Haltung vor den Amboss zu stellen, die rechte Hand zum Gruß an die Mütze angelegt und dem Schmiedemeister ins Gesicht sehend zu sagen: „Grüß Gott, Meister und Gesellen!“ Der Meister fragte hierauf: „Was für ein Landsmann?“ Darauf antwortete dann der Geselle, was er für ein Landsmann sei. Darauf wieder der Meister die Frage: „Wo zuletzt gearbeitet?“ Nachdem auch diese Frage von dem Wanderburschen beantwortet war, bekam er entweder Arbeit oder ein Wandergeld in Höhe von vielleicht ein oder zwei, im günstigsten Falle aber auch einmal fünf Groschen. Mit einer flotten Wendung ging er wieder dem Ausgang der Schmiede zu.

Keine Schmiede eines Dorfes oder eines Städtchens wurde übergangen, denn der Wandergroschen war notwendig auf der Wanderschaft, und ohne Geld war auch schon in damaliger Zeit schwierig durch die Welt zu kommen. So und nicht anders durchwanderte auch der Peter die Dörfer und Städte und gelangte bald in das Städtchen Herxheim in Hessen/Darmstadt, wo er das erste Mal Arbeit aufnahm und über ein Jahr lang werkte und lernte. Dann nahm er den Wanderstab wieder zu seiner Rechten, und es ging weiter in das Badische hinein nach Süden. Zum zweiten Mal wurde die Arbeit aufgenommen in einem badischen Städtchen und auf der daran anschließenden Wanderung die Schweizer Grenze bei Schaffhausen erreicht.

Die ersten zwei Jahre der Wanderschaft waren vorbei. Weit im Süden strebten die Schweizer Alpen himmelwärts und schauten mit ihren schneebedeckten Gipfeln auch in das südliche badische Ländle. Der Kontakt mit Peter war hergestellt, und er konnte den Lockungen dieser feenhaft weiß glänzenden Alpen nicht widerstehen. Der Weg ging nunmehr über Schaffhausen, zunächst zum Rheinfall, und nach stundenlangem Verweilen an diesem imponierenden Naturschauspiel erreichte Peter die Stadt Zürich. Er hatte Glück und bekam in einer größeren Huf- und Wagenschmiede Arbeit, wo er viel dazulernen konnte. Da ihm auch die schöne Stadt und die herrliche Lage derselben sehr gut gefielen, arbeitete er hier am längsten auf all seinen Arbeitsplätzen während der Wanderjahre. Endlich wurde jedoch auch hier die Arbeit hingelegt und wieder der Wanderstab ergriffen. Am Ufer des Züricher Sees entlang ging es bis Rapperswil. Ein freundlicher und sympathischer Meister hatte es ihm angetan, und er nahm die Arbeit auf, wenn auch nur für kürzere Zeit. Weiter ging die Wanderung den Alpen entgegen über Pfäffikon und Zug nach Schwyz, in den Kanton Unterwalden.

Als nach zwei Jahrzehnten der Peter als selbständiger Handwerksmeister und Familienvater in besinnlichen Feierabendstunden uns Jungens von seinen Wandererlebnissen in der Schweiz erzählte, kam er immer wieder auf diese Wandertour von Schwyz nach Zug zu sprechen, eine Wanderung, bei der besondere Vorsicht geboten gewesen wäre, wegen der Erkältungsgefahr. Über diesen Witz mussten wir dann immer wieder grinsen, lernten dabei aber frühzeitig genug, dass, wenn man geschwitzt ist, man unbedingt einen Zug vermeiden muss, um keinen Schnupfen zu bekommen. Die französische Schweiz, der Genfer See und Genf selbst waren die nächsten Ziele der Wanderung, und da in der damaligen Zeit in diesem Land der Hufbeschlag auf beachtlicher Höhe stand, wurde auch daselbst längere Zeit gearbeitet.

Etwas Schwierigkeiten machte aber dem Peter die Sprache. Bald konnte er aber so viel Französisch, dass er gut zurecht kam, und mit Vorliebe gebrauchte er dann dieses Französische noch in den späteren Jahren. Hatten wir Jungen einmal vergessen, die Türe zu schließen, dann hieß es nicht: „Mach´ die Türe zu!“, sondern es kam das Kommando: „Fermez la porte!“ „Toujours travailler!“ waren für uns Lehrlinge keine angenehmen Zurufe, heißt es doch auf Deutsch: „Feste arbeiten!“ An den Zurufen: „Toujours travailler pas manger!“ hatten wir auch nie Freude, denn wem würde es gefallen, feste zu arbeiten und wenig zu essen? Solches und Ähnliches mehr waren Kommandos auf Französisch, die wir in der Lehrzeit lernten und auch schnellstens ausführten, um nicht Schaden zu nehmen.

Die Arbeit wurde wieder niedergelegt, das Felleisen umgeworfen und mit dem Wanderstab in der Hand ging es dem Ufer des Genfer Sees entlang nach Vevey, woselbst auch für kürzere Zeit gearbeitet wurde. An diese Arbeitsstelle und an den Ort selbst erinnerte er sich immer mit Vorliebe. Von da aus ging es in das romantische Rhonetal hinein bis Sitten. Nachdem die Reisekasse wieder aufgefrischt war, wurde der Plan gefasst, auf möglichst kurzem Weg in das Berner Oberland zu gelangen, und dieser Plan wurde alsdann auch durchgeführt, trotz verschiedener Warnungen wegen der Schwierigkeiten und Gefährlichkeiten dieser Tour über den Gletscher. Als wir später den Erzählungen unseres Vaters über die Erlebnisse dieser Bergsteiger- und Klettertouren lauschten, da lief es uns immer wieder kalt den Rücken herunter. In ca. 2.300 Metern Höhe wurde die Passstraße erreicht, die an vielen Stellen nicht breiter war, als dass sich zwei entgegenkommende Leute gerade noch ausweichen konnten. Zur einen Seite steil aufragende Felswände und auf der anderen Seite senkrecht abfallende Wände und gähnende Tiefe. Dazu die Wege verschneit und vereist. Aber es ging gut, und am zweiten Tag der äußerst anstrengenden Wanderung wurde Fruttingen erreicht und daselbst auch wieder gearbeitet.

Inzwischen waren sechs Jahre vergangen, seitdem der Peter das Vaterhaus verlassen hatte, und von der Sehnsucht nach der Heimat gepackt, rüstete er sich für eine lange Wanderung. Der Weg führte über Bern und Basel den Rhein aufwärts, und reich an Erfahrungen, Erlebnissen und handwerklichem Können erreichte er im Jahre 1866 seinen Heimatort Unkenbach. Zwei Jahre noch blieb er im Elternhaus und arbeitete in der väterlichen Schmiede. Viele Verbesserungen wurden eingeführt und manche Vorrichtung neu erstellt, die aufgrund der Erfahrungen in der Fremde als vorteilhaft erkannt wurden und wodurch viele Arbeiten nicht nur schneller, sondern auch leichter gefertigt werden konnten. Gleichwohl wurden die Vorbereitungen getroffen zur Gründung eines eigenen Hufschmiede- und Wagenbaugeschäftes. Die väterliche Schmiede war für den älteren Bruder bestimmt.

Der Schinderhannes

Die Nordpfalz, in der auch Unkenbach liegt, hat ausgesprochen ländlichen Charakter. Berge reihen sich an Berge und Täler an Täler, in welche meist eng eingeschlossen und abgeschlossen von dem Verkehr die kleinen und größeren Ortschaften liegen, teilweise an Rändern kleinerer oder größerer Waldungen und teilweise auch in ihnen versteckt. Zwischen diesen in der Regel weit auseinanderliegenden Ortschaften befinden sich kleinere Bauerngehöfte, die von den Landesunkundigen nur mit Mühe zu finden sind. Eine kleine Abwechslung bringt erst das weiter nördlich davon liegende Nahetal.

Wenige Jahrzehnte zuvor, in den Jahren um 1800, durchstreiften Gendarmen, unter französischem Sold stehend, zu Fuß und zu Pferde das linksrheinische Gebiet und so auch die vorgenannte Gegend. Die versteckt liegenden Ortschaften und Gehöfte waren wie geschaffen, den Landstreichern und Wegelagerern Unterkunft und Schutz zu gewähren, die insbesondere in der damaligen Zeit diese ländliche Gegend unsicher machten. Oft gaben sich diese Vagabunden und Räuber den Anschein, als ob sie die französischen Besatzungen und Gendarmen bekämpften. Wenn dies auch manchmal zutraf, so räuberten und plünderten sie aber doch auch die Bauern und versteckten sich nachts in den abgelegenen Gehöften, Scheunen oder Schuppen.

Zur besonderen Berühmtheit gelangte eine Räuberbande, deren Anführer Johannes Bückler hieß, aber unter dem Namen „Schinderhannes“ die ganze Gegend bis in den Hunsrück und Soonwald hinein in Angst und Schrecken versetzte. Durch seine oft ans Humoristische grenzenden Räuberuntaten erlangte der „Schinderhannes“ eine gewisse Volkstümlichkeit, und sein Räuberleben ist in einem Buch mit dem Titel „Der Schinderhannes“ niedergelegt. Außerdem behandelt ein bekanntes Schauspiel von Carl Zuckmayer das abenteuerliche Leben dieses Räuberhauptmannes.

Zwei solcher Untaten seien hier geschildert: Jüdische Geschäftsleute aus Kreuznach holten gewöhnlich ihre Waren aus Idar-Oberstein ab, wo die Edelsteinschleiferei zu Hause ist, und machten dann diese Touren in größeren Kolonnen zusammengeschlossen, um sich gegen räuberische Überfälle wehren zu können. Bei einer dieser Geschäftstouren wurde so eine Kolonne von zwanzig Personen aus einem Hinterhalt heraus überfallen, und der Schinderhannes persönlich mit etwa einem Dutzend seiner Spießgesellen plünderten sie unter vorgehaltener Pistole vollständig aus. Als dies erledigt war, mussten sie ihre Schuhe ausziehen, worauf dann die Räuber diese Schuhe vollständig durcheinanderwirbelten. Nun gab Schinderhannes den Befehl, dass jeder schleunigst seine Schuhe wieder anziehen solle und wer zuletzt fertig sei, würde erschossen werden. Es soll daraufhin eine fürchterliche Keilerei unter den Überfallenen entstanden sein. Letzten Endes aber wurde der Letzte, der seine Schuhe gefunden und angezogen hatte, ebenso wie die anderen laufen gelassen.

Zum andern Mal saß der Schinderhannes allein in einer Wirtschaft und frühstückte. Drei französische berittene Gendarmen kamen, stiegen vor der gleichen Wirtschaft ab, banden ihre Pferde fest, um sich durch einen Imbiss ebenfalls zu stärken. Ihre Aufgabe war es, wie schon so viele Male, dem Schinderhannes nachzuspüren und ihn zu fangen. Es kam dann zu einer Unterhaltung zwischen den drei Hütern des Gesetzes und dem Schinderhannes, nicht ahnend, dass sie diesen Räuber vor sich sitzen hatten. Die Gendarmen hielten nicht zurück mit ihren Äußerungen, zu welchem Zweck sie auf Patrouille wären, und der Hannes selbst schimpfte, was das Zeug hielt, auf den Schinderhannes und dass es wirklich Zeit wäre, dass er endlich dingfest gemacht würde. Der Hannes war fertig mit frühstücken, die Gendarmen aber noch fest dabei. Er verließ das Lokal, schritt rasch zu den drei Reitpferden, zerschnitt bei zweien die Sattelriemen, schwang sich auf das dritte, das er für das beste und schnellste hielt, und rief den drei Gendarmen ins Lokal, dass, wenn sie den Schinderhannes sehen wollten, sie zum Fenster herausschauen möchten. Darauf ging es im Galopp ab und als die Gendarmen ihm nachsetzen wollten, war es ihnen wegen dem zerschnittenen Sattelzeug nicht möglich.

So war es um die Sicherheit der Bewohner in der weiten Gegend um Unkenbach bestellt unter der Herrschaft Napoleons I. Tatsache ist auch, dass Johannes Bückler bei einem Abdecker in Oberstein in die Lehre trat und wegen Verübung einer kleinen Untat auf dem Marktplatz öffentlich ausgepeitscht wurde. Dies hat er nie vergessen können, und es entwickelte sich in ihm von dieser Stunde an ein tödlicher Hass gegen die Bessergestellten. Romantisch liegt dieses Städtchen Oberstein an der Nahe, und der Abschnitt an dieser Stelle ist einer der schönsten des ganzen Nahetals. Steil ragt dicht an dem nördlichen Ufer ein breiter Felsen wuchtig gen Himmel, in dessen Mitte in einem Felsausschnitt eine kleine Kirche steht. Nach der Sage wohnten auf dem Gelände oberhalb des Felsens zwei Brüder aus gräflichem Stand. Der eine davon, der jung verheiratet war, nahm unter Kaiser Barbarossa an einem Kreuzzug teil. Da er lange nicht zurückkam und als verschollen galt, soll seine Frau den Bruder geheiratet haben. Als er dann doch endlich zurückkehrte, war er über die Handlungsweise seines Bruders derart erbost, dass er ihn den Felsen hinunter in die Nahe stürzte. Als Sühne für diese Tat soll er dann freiwillig die Plattform aus dem Felsen in jahrelanger Arbeit herausgehauen haben, in den dann die Kirche hineingebaut wurde.

Eilig durchfließt die Nahe die Talenge bei Oberstein, um alsdann das meist breitere und fruchtbare Tal schneller oder langsamer, so wie es die Bäche und Flüsse in den Bergen zu tun pflegen, den beiden Badeorten Bad Münster/Stein und Bad Kreuznach zuzustreben, als dem schönsten und romantischsten Abschnitt des ganzen Nahetals. Nachdem der Fluss zur linken Seite den kilometerlangen und senkrecht aufsteigenden, mehrere hundert Meter hohen Felsen, den so genannten Rotenfels, passiert hat, fließt er breit und verhalten durch Münster am Stein, und es ist, als wenn er rasten wollte, um die herrliche Umgebung recht lange genießen zu können. Zwischen dem Fuß dieses Rotenfels und der Nahe ist nur noch Platz für eine Straße, die mit der Nahe von Oberstein, Sobernheim, Niederhausen kommend nach Münster am Stein hineinführt.

Will man diese idyllische Gegend richtig schauen, dann ersteigt man die Ebernburg, die wegen dieses herrlichen Rundblickes viel besucht wird. Oben angelangt, fällt zunächst, den Blick nach links richtend, der Rotenfels auf, dessen mächtige, unter der Bestrahlung der Abendsonne wunderbar rot leuchtende Wand schon von weither sichtbar ist. Weiter rechts schauen wir das Nahetal abwärts in Richtung des etwa drei Kilometer entfernt liegenden Badeortes Bad Kreuznach. Rechter Hand dieses Tales erhebt sich, wie aus der Nahe herausgewachsen, zu beträchtlicher Höhe und senkrecht aufsteigend der Rheingrafenstein. Er endet oben in einer Plattform, die von der Rückseite her durch einen in vielen Windungen und ziemlich steil emporführenden Pfad erstiegen werden kann. Der Rundblick von hier aus ist kaum minder großartig wie der von der Ebernburg. An diesem Rheingrafenstein zieht sich ein lang gezogener, hoher, nach Bad Kreuznach verlaufender Bergrücken an, die „Gans“ genannt.

Wendet man den Blick weiter nach rechts, dann schauen wir auf einen bewaldeten, lang gezogenen Bergrücken, hinter welchem sich das schöne Huttental hinzieht, benannt nach dem Reichsritter Ulrich von Hutten. Ein etwa zweistündiger Spazierweg führt vom Rheingrafenstein durch dieses Tal nach der Altenbaumburg, im Alsenztal liegend. Noch weiter rechts schaut man in das liebliche Alsenztal. Die Ebernburg selbst krönt ein schönes Wirtschaftsgebäude, das zur Stärkung und gutem Trunk einlädt. An den südlichen, mit Reben bestandenen Hängen dieses Berges wächst der gute Ebernburger Wein. In halber Höhe des Berges steht ein schönes Denkmal. Es zeigt zwei bekannte Streiter aus der Reformationszeit in übernatürlicher Größe, aus Bronze gegossen und auf einem wuchtigen Marmorsockel stehend, Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen. Das Denkmal steht auf einer geräumigen Plattform. Den Badeort Bad Münster am Stein hat man von hier aus direkt vor sich liegen, der, ebenso wie Bad Kreuznach, durch die Radiumsolbäder bekannt ist und viel besucht wird.

Der Weg führt nun das Alsenztal aufwärts über die Ortschaften Altenbamberg, Hochstätten nach Alsenz. Kurz vor diesem Ort gelangt man, sich rechts wendend und nach Westen marschierend, in das Moscheltal, erreicht den drei Kilometer entfernt liegenden Ort Niedermoschel und in weiterem einviertelstündigem Marsch das Städtchen Obermoschel. Schön und verträumt liegt dieses Kantonstädtchen in einem engen Talkessel am Fuße des Moschellandsberges, und wie eine Zentrale wird es ringsum von einer Reihe von Ortschaften umschlossen, deren Bewohner auf fünf strahlenförmig verlaufenden Straßen Obermoschel erreichen können.

Die von Osten kommende Straße, über Niedermoschel führend, ist bereits genannt worden. Eine zweite Straße führt nach Süden zu ins Moscheltal und berührt die Ortschaften Sitters, Schiersfeld, Finkenbach, Waldgrehweiler und einige weitere. An einer dritten, nach Westen führenden Straße liegen Unkenbach und Callbach, und man erreicht auf derselben Meisenheim im Glantal. Die vierte verläuft nach Nordwesten ziemlich steil aufsteigend nach Lettweiler und nach Odernheim. Mehrere kleine Bauerngehöfte sind an dieser Straße angeschlossen, darunter als größter der Neudorferhof. Die fünfte Straße führt nördlich nach Dreiweiher, Hallgarten, Feil und Bingert, zum Montforterhof in das Nahetal hinein. Der Montforterhof liegt am Fuße der Bergruine Montfort. In einem engen Kessel am Rande des großen Bauwaldes, ganz versteckt liegend, war diese Burg wie geschaffen als Unterschlupf von Raubrittern des Mittelalters.

Von den Bergen, die Obermoschel eng umschließen, ist schon der Moschellandsberg genannt worden, mit der Ruine Landsburg auf dem Gipfel, die im Jahre 1689 von den Franzosen unter den Generälen Melac und Montclair zerstört worden ist. Bis dahin wurde diese schöne und geräumige Burg von den Pfalzgrafen von Zweibrücken, einer Zweiglinie der Wittelsbacher, bewohnt. Das rote Gestein des Moschellandsberges ist quecksilberhaltig, und im 17. und 18. Jahrhundert wurde dieses Edelmetall von englischen Gesellschaften ausgebeutet. Stollen und Schächte, aus der damaligen Zeit erstanden, durchziehen nach allen Richtungen den Berg.

Die nach Süden gelegenen Hänge tragen Weinreben, auf welchen der vorzügliche Moschellandsberger Wein wächst. In halber Höhe des Berges befindet sich das Waldhaus, in dessen Restauranträumen oder dem davor befindlichen geräumigen Garten im Schatten sitzend man diesen Wein testen kann. Der diesen Restaurationsgarten umgebende, ebenfalls ganz von Bäumen beschattete geräumige Platz ist als Freilichtbühne ausgebaut worden, und alljährlich wurden von Laienspielern und -spielerinnen des Städtchens Obermoschel den ganzen Sommer hindurch Schauspiele aufgeführt. Auf der Programmfolge fehlte dann nie das Schauspiel „Der Schinderhannes“. Besucher von weit und breit belegten dann die 3.000 Sitz- und Stehplätze. Von der Spitze des Berges, 325 Meter über dem Meer gelegen, hat man einen schönen Rundblick auf die das Städtchen Obermoschel eng umschließenden Berge, und nur in südlicher und südöstlicher Richtung reicht der Blick weit bis zum etwa 20 Kilometer entfernt liegenden Stahlberg, der ebenfalls quecksilberhaltig ist, und bis zum 35 Kilometer entfernten Donnersberg als höchstem Berg der Pfalz, 680 Meter über dem Meeresspiegel liegend.

In der gleichen Richtung schließt sich ein mit Laubholz und niedrigem Gestrüpp dicht bewachsener Höhenrücken an, der Galgenwald genannt. Viele Schächte führen hier senkrecht in die Tiefe und geben Zeugnis, dass auch an diesen Stellen Quecksilbererze zutage gefördert worden sind. Dieser Galgenwald wird von Fußgängern gemieden wegen der Gefährlichkeit der meist versteckt liegenden und mit Buschwerk überwachsenen Schachtöffnungen. In Verlängerung desselben schließt sich rechts ein fruchtbarer, lang gezogener Höhenrücken an, der einige Kilometer weiter in den sogenannten Ewigen Wald übergeht.

Am Ende dieses Waldes liegt die Ortschaft Sitters. Schaut man von der Bergspitze nach Westen, dann erblickt man einen nur mit Ackerland bestandenen breiten und sich nach Westen hinziehenden Bergrücken, der Kahlforst, auf dessen höchster Erhebung sich ein stattlicher Bauernhof, der Kahlforsterhof, wie auf einem Präsentierteller gelegen befindet. Nach rechts hin fällt der Kahlforst allmählich in das Tal des Unkenbaches ab, und im Hintergrund dieses Tales erblickt man die Ortschaft Unkenbach in der ganzen, wenn auch nicht großen Ausdehnung. Das Tal des Unkenbachs ist jedoch schmal, denn auf der rechten Seite des Baches geht es wieder ziemlich steil bergauf zu einem lang gezogenen Höhenrücken, der Alod genannt. Über diesen Alod führt eine breite, vorher genannte Straße nach Lettweiler und Odernheim.

Den Blick weiter nach rechts wendend sieht man über davor liegende Bergspitzen hinweg einen lang gezogenen, in gleichmäßiger Höhe nach Osten zu verlaufenden Höhenrücken, als höchste Erhebung der näheren Umgebung. Hinter diesem Bergrücken, jedoch von hier aus unsichtbar, liegt der Neudorferhof und ein gutes Stück weiter dahinter liegt ganz versteckt das Gehöft Montforterhof mit der Ruine Montfort, und noch ein gutes Stück weiter fließt die Nahe. Ein großer Wald, der Bauwald genannt, bedeckt den vorgenannten Höhenrücken und das dahinter liegende Gelände. Weiter rechts, von der Moschellandsburg aus nordöstlich gesehen, schließt sich die unbewaldete Feiler Höhe an mit den Ortschaften Feil, Dreiweiher, Hallgarten, Bingert, und von dieser Höhe aus erblickt man in nordöstlicher Richtung eine lang gestreckte rote Felswand, den Rotenfels bei Bad Münster am Stein, großartig zu schauen.

Wer von Obermoschel aus zu einem weiteren Ausflug Lust hat, der kommt in diesem schönen und großartigen Bauwald auf seine Kosten. Bei flottem Ausschreiten erreicht man in anderthalbstündigem Marsch die wiederholt genannte Burgruine Montfort und das dicht dabei liegende Gehöft gleichen Namens, woselbst man sich in einer gastlichen Stube bei Wein und derber Bauernkost stärken kann. Der Berg, der Obermoschel nach Norden gesehen ganz eng einkesselt, heißt der Hinterberg, und derjenige nach Nordosten gesehen der Seelberg. Dieser Name Seelberg ist eine Ableitung von dem Wort Silberberg, denn tatsächlich ist das Gestein dieses Berges, wenn auch nur in wenigem Grade, silberhaltig. Ausgedehnte Flächen dieses Berges sind mit Reben bestanden, und hier wächst der beste Wein der engeren und weiteren Umgebung, der Seelberger Wein. In diesem eng umschlossenen Talkessel liegt das Städtchen Obermoschel in seiner ganzen Ausdehnung, von der Spitze des Moschellandsberges herrlich zu sehen, mit den gewundenen Straßen und Gassen, den beiden erhöht liegenden protestantischen und katholischen Kirchen, dem Gerichtsgebäude, dem Gefängnis, dem Finanzamt und dem Bahnhof. Wie zu einem Luftkurort geschaffen, liegt das Städtchen mit seiner schönen Umgebung am Fuße des Moschellandsberges, dessen Waldungen reichlich mit Spazierwegen versehen sind. Aber geborgen in sicherem Versteck träumt es still und zufrieden weiter.

Man schreibt das Jahr 1868

Munter fließt, leise plätschernd, der Moschelbach und eilt in nördlicher Richtung in vielen kleinen Kurven und Krümmungen durch Wiesen und Gärten direkt auf das Städtchen Obermoschel zu. Kaum ist dieses erreicht, schlägt der Bach hart an der Kanalstraße einen scharfen Haken nach rechts und fließt nunmehr nach Osten dem Alsenzbach entgegen. Genau an der Stelle dieses Hakens, an der Kanalstraße Nr. 102, sind Bruchsteine, Sand und Kalk aufgehäuft, und fleißige Hände bauen ein Haus. Auf der rechten Seite eine geräumige Schmiedewerkstatt, links daneben der Eingang zu den Parterrewohnräumen, weiter links davon eine Durchfahrt zu einem Stall und noch weiter links die Scheune. Im Haupteingang führt eine Treppe zum ersten Stock zu den Wohnräumen, die sich rechter Hand über der Schmiede, in der Mitte über den unteren Wohnräumen und linker Hand über der Durchfahrt befinden, im Ganzen sechs geräumige Zimmer und nach hinten hinaus ein Balkon. Unterhalb der Parterrewohnräume befinden sich der Keller und dahinter ein kleiner Hof.

Im Frühjahr 1869 ist das Gebäude bezugsfertig, und diejenigen, die ihren Einzug halten, sind der junge Schmiedemeister Peter Keiper aus Unkenbach und seine eben erst Angetraute, im Jahre 1850 geborene, 19 Jahre alte Elisabeth, geb. Paul. Die Eltern der Elisabeth sind in Obermoschel ansässige Bauern, und sie bringt dem Peter Äcker mit in die Ehe. Deshalb wurden auch eine Scheune und ein Stall gebaut, wie es denn überhaupt üblich ist, dass die Handwerker dieser Gegend nebenbei eine kleine Landwirtschaft betreiben.

Diese Jahre sind günstig zur Gründung von Geschäften, denn ein großer und mächtiger Schmied ist emsig dabei, das Deutsche Reich zu schmieden. Nicht ganz zwei Jahre später hat Bismarck dieses große Werk vollbracht und der ganzen Welt im Januar 1871 von Versailles aus Kunde davon gegeben. Regimenter auf Regimenter zu Fuß und zu Pferde marschieren im Juli 1870 auf allen Straßen der Nordpfalz nach der südlichen Reichsgrenze, wo gegenüber in Elsass und Lothringen die französische Armee im Begriff ist, aufzumarschieren. In diesen und in den kommenden Monaten lösen sich die Militärpferde, hauptsächlich die der Offiziere, in fast ununterbrochener Folge vor der neuen Schmiede des Schmiedemeisters Peter Keiper ab, um beschlagen zu werden. Kaum ist die viele Arbeit zu bezwingen, und der Anfang daher überaus gut. Schnell ist der Krieg gewonnen, und die siegreichen Regimenter kehren auf den gleichen Straßen wieder in die Heimat zurück. Ein großer wirtschaftlicher Aufschwung folgt diesem siegreich beendeten Feldzug, und die Verehrung des Schöpfers des neuen deutschen Reiches, Bismarck, ist bis in die entlegensten Ecken des neuen deutschen Reiches zu spüren.

Auch der Schmiedemeister Peter Keiper ist ein großer Bismarckverehrer geworden und schmückt die Wand seines Wohnzimmers mit einem schönen großen Bild des Reichskanzlers. Aber auch in der jungen Ehe zieht das Glück ein, und vier Söhne und zwei Töchter erblicken nach und nach das Licht der Welt und füllen die Räume mit Leben, aber auch mit Arbeit. Der erste Sohn wurde im September 1871 geboren und mit dem Namen Karl getauft, der zweite Sohn, im Januar 1875 geboren, erhielt den Namen Otto, das dritte Kind, ein Töchterchen, im September 1878 geboren, erhielt den Namen der Mutter, Elisabeth, das vierte, ein Junge, im März 1881 geboren, erhielt den Namen Fritz, meine Wenigkeit betreffend, das fünfte, ein Töchterchen, im April 1883 geboren, wurde Emilie getauft und das sechste, ein Junge, erhielt den Namen Ludwig und ist im September 1886 geboren.

Die Jahre vergingen, und der Karl, der älteste von uns Jungens, wurde 13 Jahre alt und aus der Volksschule entlassen. Er sollte Pfarrer werden, so wollte es der Vater, aber nicht der Karl, und er kam auf die Realschule nach Speyer am Rhein. Nur wenige Monate waren vergangen, dann packte ihn das Heimweh nach dem Vaterhaus, insbesondere aber auch nach der Schmiede, wo er schon in freien Stunden der Schuljahre so viel und so gerne geklopft, gehämmert und gefeilt hatte, und nach den Pferden in der Schmiede, mit denen er sich so gerne beschäftigte und sie lieb gewonnen hatte. Er schrieb Briefe, dass er zum Studieren absolut keine Lust mehr habe und er wolle als Lehrling zum Vater in die Schmiede zurück. Der Vater gab dann auch seine Einwilligung und hatte auch später seine Freude daran. Kaum 19 Jahre alt, absolvierte Karl die Hufbeschlagschule in Zweibrücken, um am Schluss des dreimonatigen Kurses die Meisterprüfung mit dem besten Prädikat zu machen. In demselben Jahre noch veranstaltete der Bund Pfälzischer Schmiedemeister einen Preiswettbewerb im Hufbeschlag, an welchem nur Schmiedemeister aus der Pfalz zur Teilnahme zugelassen wurden. Es kamen 20 Preise zur Verteilung, und davon wurden die ersten zehn Preise mit Geld ausgestattet. Folgende Bedingungen waren festgesetzt worden:

1. Jeder Teilnehmer musste ein Paar Hufeisen schmieden, wobei auf kürzeste Zeit und die beste Ausführung gesehen wurde.

2. Jeder Teilnehmer musste zwei Hufe beschlagen, und wiederum entschied die kürzeste Frist, die hierzu benötigt wurde, und die beste und sachgemäßeste Ausführung.

Nach Beendigung dieser praktischen Arbeiten kam die theoretische Prüfung, zu welchem Zweck jeder zwei Lose zu ziehen hatte, die zusammengerollt, auf der Innenfläche beschrieben, die Fragen enthielten, die zu beantworten waren. Obwohl Karl der weitaus jüngste sämtlicher Teilnehmer war, denn die anderen waren alle selbständige Meister und keiner unter 30 Jahren, war er in den praktischen Fächern der Erste überhaupt und er hätte den ersten Preis bekommen, wenn er nicht in der Beantwortung der theoretischen Fragen Pech gehabt hätte. Er zog eine sehr schwierige Frage, bei deren Beantwortung es nicht recht klappte. Dennoch erhielt er den 6. Preis und damit zwei Goldstücke à 20 RM. Stolz kehrte er von Zweibrücken, wo das Preishufbeschlagen stattfand, nach Hause, und stolz war auch der Vater auf ihn.

Inzwischen war auch der zweite, der Otto, bereits aus der Volksschule entlassen worden, und der Statur nach war er zum Schmied wie geschaffen. Er lernte auch nicht gerne und ging ungern in die Schule. Folgende Episode aus seiner Schulzeit bestätigt dies: Anstatt an einem warmen Sommernachmittag in der Schule zu sein, lag er zuhause in einer abgelegenen Ecke und schlief. Zufällig entdeckte ihn der Vater dort und fragte, warum er nicht in der Schule sei. „Es ess 30 Grad Hitz“, war seine Antwort und er wollte damit sagen, dass wegen zu großer Hitze die Schule an diesem Nachmittag ausgefallen wäre, was in Wirklichkeit, wenn das Thermometer einen gewissen Hitzegrad überschritten hatte, zutraf. An diesem Nachmittag fehlten aber noch etliche Grade, aber Otto glaubte mit diesem Einwand einmal schlafen statt lernen zu können. Er hatte sich gründlich verrechnet, und nachdem der Hufhammerstiel kräftig sein Hinterteil bearbeitet hatte, ging es im Laufschritt in die Schule.

Zu dieser Zeit war ich sieben Jahre alt und kam in die zweite Schulklasse. Dass ich mich des Daseins noch freuen konnte, hatte ich einem lieben Nachbarn zu verdanken, der mich als zweijährigen Jungen unter den Pferden eines Postwagens so rechtzeitig herauszog, dass mich die Räder nicht mehr erwischten. Die Schulklassen eins bis sieben der Volksschule passierte ich ohne Schwierigkeiten, und mit meinen Schulzeugnissen war mein Vater immer sehr zufrieden. Er glaubte daher, dass ich die besten Anlagen zum Schulmeister hätte, und da ein Schullehrer auch musizieren können muss, nahm ich vom neunten Lebensjahre ab Violinunterricht. Aber die Schmiede hatte es auch mir angetan, und viel mehr, als es meinen älteren Brüdern lieb war, hielt auch ich mich in den freien Stunden gerne am Amboss auf und hämmerte. Wenn alsdann ein Handfeger geflogen kam, entschwand ich schleunigst.

Es gab aber dann sofort anderen Zeitvertreib. Auf der anderen Seite der Kanalstraße befand sich ein eisernes Geländer als Schutz für eine steinerne Treppe, die hinunter in den Moschelbach führte. Etwa 90 cm hoch, bestand das Geländer aus einer 1 Zoll starken, runden Eisenstange, die zum Turnen wie geschaffen war, und ich und verschiedene andere Jungens brachten es an diesem Turnreck im Laufe der Schuljahre zu einer wahren Meisterschaft. Es kam aber auch vor, dass bei einer 10- oder 20-fachen Bauch- oder Sitzwelle die Hände feucht wurden und von der Reckstange abglitten. Dann ging es selbstverständlich im Bogen in den Moschelbach hinein. Aber es ging immer gut.

Ein idealer Spielplatz war auch das Bett des Baches selbst. Genau an dieser Stelle, wo der Moschelbach den kurzen Haken schlägt und das Elternhaus steht, mündet der Unkenbach in den Moschelbach, und insbesondere der Moschelbach schwemmte an diesem Bogen blank gewaschenen Sand und glatt geschliffene Steinchen in allen Größen und Farben und in den verschiedensten Formen an, und kleine Fische, Kaulquappen, Krebse und dergleichen mehr tummelten sich im Wasser oder lagen unter Steinen. Kanäle wurden gezogen, Pfützen gebaut, Wasserfälle gemacht und Fische gefangen. Fanden wir etwa talergroße, platt gescheuerte Steinchen, dann wurden diese ganz flach über die Oberfläche des Wassers geworfen, und jetzt kam es darauf an, dass diese Steinchen in rascher Folge beim Untertauchen sofort wieder heraussprangen. Je öfter dies geschah, desto schöner und besser war der Wurf.

Es schwammen auch Enten in dem Moschelbach, und wenn wir dann in den Bach herunterkamen, vergrößerten diese sofort den Abstand. Im genauen Werfen von Steinchen hatten wir große Übung und Fertigkeiten, so dass die Spatzen immer in Lebensgefahr waren. Eine Ente selbst etwa auf 30 bis 40 Meter Entfernung zu treffen, machte keine Schwierigkeiten. Einmal zielte ich auf den Kopf einer Ente und traf zu allem Unglück diesen so genau, dass er sofort samt Hals unter Wasser ging und auch nicht mehr hochkam. Mein Vater musste die Ente bezahlen, und bei mir trat wieder einmal der Hufhammerstiel in Tätigkeit. Danach habe ich nie mehr auf Entenköpfe gezielt.

Wenn dann im Winter der Moschelbach zugefroren war, kamen das Schnelllaufen und das Kunstlaufen mit Schlittschuhen. Auch die überall von den nahe liegenden Bergen herabführenden Wege waren die schönsten und besten Rodelbahnen, und dann kam der „Klitschekaschde“ auch zu seinem Recht. Am liebsten spielte und werkte ich aber in der Schmiede und ich ging noch zur Schule, war also noch nicht in der Lehre, als ich schon mehr konnte als ein Lehrling nach dem ersten Lehrjahr. So konnte ich einen Nagel ohne Schwierigkeiten schon als Schuljunge schmieden. Darüber staunten meine Kameraden und drückten sich verstohlen in die Schmiede, um mir zuzuschauen. Das sollte nicht sein. Ich hatte mir aber eine Methode ersonnen, sie auf kaltem Wege wieder herauszubefördern und zwar nahm ich einen alten Hufnagel in die Zange, schlug ihn mit kräftigen Schlägen ganz platt, wodurch dieser platt gedrückte Kopf so heiß wurde, dass man sich die Finger verbrannte. Wie zufällig ließ ich den Nagel aus der Zange auf den Boden fallen und sagte dann dem Jungen, heb ihn mal schnell auf. Das tat er dann auch, und mit zwei verbrannten Fingerspitzen ging´s unter Heulen und Schimpfen im Laufschritt zur Türe hinaus. Ich hatte erreicht, was ich wollte und lief selbst weniger Gefahr, mit diesen anderen Jungen mit hinausgejagt zu werden. Natürlich konnte man ein solches Stück mit ein und demselben Jungen nur einmal machen.

Man schrieb den 1. Mai 1894

Da es mit dem Lehrerberuf nichts wurde, trat ich als dritter der Söhne als Lehrling ins väterliche Geschäft ein. Der älteste, Karl, war inzwischen Soldat geworden und diente beim 18. Bayrischen Infanterieregiment in Landau. Der zweite, der Otto, der inzwischen 19 Jahre alt geworden war, war schon drei Jahre Geselle und damit Vorgesetzter von mir. Zu der damaligen Zeit kannte man auf dem Lande noch keine geregelte und auf die Minute begrenzte Arbeitszeit. Ob Lehrling, Geselle oder Meister, die Arbeitszeit war gleich lang. Sie begann bei uns in der Schmiede im Sommer so um 6 Uhr herum und endete abends um 8 Uhr, an manchen Tagen auch noch später.

Nach meiner damaligen Überzeugung war das für einen Lehrling viel zu lang. Dabei währten die Frühstücks-, Mittags- und Vesperpause nur so lange, bis das Essen eingenommen war. Unverzüglich danach setzte die Arbeit wieder ein. Der Samstag machte hierin keine Ausnahme. Die Werkstätte aufzuräumen und zu reinigen war eine Arbeit, die für den Sonntagmorgen von 7 bis 8 Uhr vorbehalten blieb. Es war Pflicht, während der drei Lehrjahre die Fortbildungsschule zu besuchen, und zwar an vier Tagen in der Woche je eine Stunde und außerdem sonntagvormittags von 8.30 bis 9.30 Uhr. Damit aber an den Wochentagen keine Arbeitszeit versäumt wurde, fand der Unterricht abends von 8 bis 9 Uhr statt.

Der Unterricht erstreckte sich auf folgende Fächer: Buchführung, Wechsellehre, Physik, kaufmännisches Rechnen und Fachzeichnen. Der Zeichenunterricht fand an den Sonntagvormittagen von 8.30 bis 9.30 Uhr statt, und daran anschließend hatte man von 10 bis 11 Uhr die Kirche zu besuchen. Der Sonntagnachmittag, der dann folgte, brachte die einzig freien Stunden der ganzen Woche. Als Zögling war ich in diesen Lehrjahren Mitglied des Turnvereins Obermoschel, und die Turnstunde fiel auf den Samstagabend. Der beste Turner, nicht nur des Vereins, sondern auch weit und breit, war mein Bruder Otto. Überall holte er sich die höchsten Preise und er konnte sogar auf einem damals durchgeführten deutschen Turnfest einen Preis erringen. Auch ich turnte wacker mit und errang als Zögling im zweiten Jahr meiner Lehre auf einem Turnfest, das oben auf der Moschellandsburg stattfand, den zweiten Preis.

Unvergesslich bleibt mir dieses Turnfest wegen eines besonderen Vorfalls, der tags vorher, Samstagnachmittag, begann und der in den Nachmittagsstunden des Sonntags seinen Abschluss fand. Er sei hier geschildert: In der Nachbarschaft betrieb ein ehrbarer, geachteter und tüchtiger Handwerksmeister, ein Schreinermeister, sein Geschäft. Nebenbei war er passionierter Jäger und betrieb auch eine Landwirtschaft. Auf dem Kuhkopf, in der Nähe des Galgenwaldes, besaß er ein Grundstück und an dem fraglichen Samstagvormittag marschierte er mit einem Bündel Strohseilen auf dem Rücken und in Begleitung seines Jagdhundes auf dieses Grundstück, um Heu zu binden.

Er war mit seiner Arbeit beinahe fertig, als sein Jagdhund einen Hasen aufstöberte und hinter demselben her in den Galgenwald hineinhetzte. Diesen Vorfall hatte er wohl gesehen, aber er dachte weiter nicht darüber nach und führte seine Arbeit zu Ende. Der Hund aber war nicht wieder zurückgekommen. Der Schreinermeister nahm, nichts Gutes ahnend, die restlichen Strohseile auf und ging an der Stelle in den Galgenwald hinein, an der der Hase und dahinter sein Hund eingelaufen waren. Auf dieser Suche gelangte er an einen jener Schächte, die senkrecht in die Tiefe gingen. Und da hörte er auch schon Klagelaute eines Hundes aus der Tiefe heraufkommend. Am oberen Rand dieses Schachtes befand sich ein ziemlich dickstämmiger Strauch, der schräg über den Schachteingang gewachsen war. Er hielt sich jetzt an diesem Stamm fest, beugte sich über das Schachtloch und schaute hinab, und unten auf der Sohle des Schachtes erblickte er in etwa 15 bis 20 Metern Tiefe seinen Hund. Sicherlich hatte der Hase, das Gelände gut kennend, kurz vor dem Schachtloch einen Haken geschlagen. Hasen wissen aber, dass Hunde keinen Haken schlagen können und so hatte er ganz richtig kalkuliert.

Noch bevor der Hund bremsen und in der neuen Richtung dem Hasen folgen konnte, war er auf das Schachtloch geraten und stürzte den Schacht hinunter. Das Wimmern des Hundes schnitt seinem Besitzer ins Herz, und er musste so schnell wie möglich heraus, das war selbstverständlich. In schnellem Marsch ging es zurück nach Obermoschel, und er borgte sich bei einem befreundeten Landwirt ein entsprechend langes Seil. Ohne sich irgendwo aufzuhalten und ohne seine Frau zu unterrichten, trotzdem er an seinem Haus vorbeimusste, marschierte er so schnell es ihm möglich war zur Unfallstelle in den Galgenwald. Dort angekommen, band er das eine Ende an dem Stamm des Strauches fest und ließ alsdann das Seil in den Schacht hinuntergleiten, wobei er mit Genugtuung feststellte, dass das Seil lange genug war, um auch noch mit dem anderen Ende den Hund anbinden zu können.

Schlank und sehnig wie er war, kletterte er nunmehr an dem Seil hinunter und band den Hund kunstgerecht fest. Nunmehr begann er sofort zu klettern, um alsdann oben angelangt den Hund herauszuziehen. Er hatte aber seine Kräfte überschätzt. Nur noch wenige Meter vom oberen Rand entfernt, verließen ihn seine Kräfte, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich wieder am Seil herabgleiten zu lassen. Aber er gab es noch nicht verloren und nach einer entsprechenden Ruhepause begab er sich erneut ans Klettern. Aber auch diesmal gelang es nicht, im Gegenteil, er erreichte noch nicht einmal die Höhe des ersten Versuches. Wieder ging es am Seil hinunter. Als auch ein dritter Versuch fehlschlug und er hierbei kaum die Hälfte des Weges erklettert hatte, gab er jeden weiteren Versuch auf.

Jetzt erkannte er auch den großen Fehler, den er dadurch gemacht hatte, dass er niemanden in Obermoschel, als er sich das Seil geliehen hatte, von diesem Unfall erzählte. Er war auch ein etwas verschlossener Mann, von dem bekannt war, dass er sehr wenig redete, aber dafür desto fleißiger arbeitete, an sich also eine ganz lobenswerte Eigenschaft. Für den vorliegenden Fall aber war dies nicht gut. Nun war es noch in der Schachtsohle bitterkalt, und sein Rock lag oben am Rande des Schachtes neben seinen Strohseilen etwas im Gebüsch versteckt. Um besser klettern zu können, hatte er eben diesen Rock ausgezogen. Vielleicht aber glaubte er, dass man auf der Suche nach ihm den Rock und die Strohseile finden würde und dass dies dann seine Rettung sein könnte. Um sich einigermaßen warm zu halten, schmiegte er sich fest an seinen Hund an und so musste er wohl oder übel die Dinge an sich herankommen lassen, wobei er aber auch nicht im Geringsten im Zweifel war, in welch gefährlicher Lage er sich befand.

Der Abend und die Nacht kamen und brachten Stunden, die er nicht mehr vergessen konnte und hinterließen Spuren, die nicht mehr wegzuwischen waren. Um Mitternacht herum glaubte er Schritte gehört zu haben, es konnte aber auch eine Täuschung gewesen sein. An ein Schlafen war selbstverständlich nicht zu denken. Es kamen der Morgen und der Mittag allmählich heran, ohne dass eine Spur für irgendwelche Hilfe festzustellen war. Stark frierend und hungernd stellten sich Mutlosigkeit und Verzweiflung ein.

Am Schacht lag der Rock

Wie immer in den frühen Stunden der Sonntage war ich auch an diesem Sonntag zwischen sieben und acht Uhr damit beschäftigt, die Schmiede aufzuräumen und sauber zu machen, bei welcher Arbeit das Tor der Schmiede offen stand. Kaum hatte ich mit der Arbeit begonnen, da trat die Frau des Vermissten in die Schmiede, um durch dieselbe zu meinen Eltern zu gelangen. Weinend und fassungslos sagte sie dann, dass ihr Mann gestern gleich nach dem Mittagessen zum Heubinden nach dem Kuhkopf gegangen war und nicht mehr zurückgekehrt sei. Auch den Jagdhund hätte er mitgenommen und auch dieser werde vermisst. Weiter sagte sie, dass sie noch spät am Abend die Feuerwehr verständigt habe und dass diese die ganze Nacht das ganze Gelände und auch den Galgenwald ohne Erfolg abgesucht habe. Sie war bereits der festen Überzeugung, dass ihrem Mann ein Unglück zugestoßen sei, oder dass er sich selbst was angetan haben könnte, obwohl zu Letzterem ihrer Meinung nach nicht der geringste Anlass vorgelegen haben könnte.

Inzwischen war aber in Obermoschel eine Suche in großem Umfange organisiert worden, und abermals marschierten, und diesmal einige hundert Männer auf den Kuhkopf, in den angrenzenden Galgenwald und in die Waldungen des Moschellandsberges. Gegen Mittag kam eine Suchabteilung in die Nähe des Schachtes, wo der Rock und die Strohseile lagen. Die hellen Strohseile leuchteten hervor und die Hoffnung, damit die Spur entdeckt zu haben, hatte nicht getäuscht. Der über dem Schachteingang gewachsene Strauch tat wieder seinen Dienst, und man hatte den Jägersmann mit seinem Jagdhund gefunden. Ein Läufer brachte die frohe Kunde zunächst seiner Frau und alarmierte die Steigermannschaft der Feuerwehr. Mit zwei langen Feuerwehrleitern ging es nun wiederum zum Galgenwald, und ein wenig später war die Rettung durchgeführt. Man hatte auch die Flasche Kognak nicht vergessen, und so gestärkt und gewärmt ging es hinunter nach Obermoschel. Die liebevolle Pflege der Frau tat dann das Ihrige, und einige Tage später hobelte und hämmerte es wieder in der Schreinerei.

Erfreut über diesen glücklichen Ausgang bestritten wir Turner an diesem Sonntagnachmittag das Preisturnen oben auf der Moschellandsburg mit dem schönen Erfolg für mich, dass ich als Turnzögling einen zweiten Preis errang. Nun war mein Lehrgeselle, der Otto, nicht nur ein tüchtiger Schmied und flotter Turner, sondern er hatte auch Streiche im Kopf, die oftmals nichts taugten. Ich verurteilte dieselben dann auf das Entschiedenste, wenn er mich als Objekt für solche Streiche auserwählte. Ein Fall von den vielen soll hier geschildert werden:

Otto und ich schliefen in einem Zimmer auf der Mansarde. Ich war schon früher zu Bett gegangen und lag im tiefsten Schlaf. Otto kam später, rüttelte mich wach und indem er im Begriff war, die Arbeitskleider auszuziehen, sagte er in ganz energischem Ton: „Fritz, es ist Zeit zum Aufstehn und schon sechs Uhr vorbei. Heraus und herunter in die Schmiede und das Feuer angemacht!“ Obwohl noch sehr müde, hatte ich keinen Anlass, an der Richtigkeit zu zweifeln und stand daher auf, zog mich an, verließ das Zimmer und schwang mich über das Geländer der Mansardentreppe. Kaum war ich auf den Treppenstufen, da rief er mir zu, dass es erst 11 Uhr sei und ich solle mich schleunigst wieder ins Bett begeben. Aber der Otto hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Erbost, wie ich nun war, polterte ich laut die Treppe hinunter in die Schmiede, hieb ein paar Mal mit dem Hammer auf den Amboss, denn der Vater sollte wissen, welchen Streich sich der Otto wieder mit mir erlaubt hatte. Kaum gedacht, war der Vater auch schon da in der Schmiede, und ich hatte meinen Vortrag noch nicht ganz beendet, da sauste ich, so schnell wie ich konnte und immer zwei Stufen überschlagend, die Treppen hinauf und der Vater mit dem Hufhammer immer hinterher. Aber auch der Otto war entsprechend kuriert worden und wurde danach vorsichtiger mit seinen Streichen mir gegenüber.

Bald darauf kamen sehr kalte Tage und viel Schnee. In etwa 500 Metern Entfernung von der Schmiede hatte Otto eine Marderspur gelegentlich eines Geschäftsganges festgestellt, und dieser Marder wurde ein dankbares Objekt für seine Streiche, die, wie sich bald darauf zeigte, dem Marder sehr schlecht bekamen, dem Otto aber um ein Haar eine recht üble Verletzung am Schienbein eingebracht hätten. An demselben Abend, nach der Entdeckung der Spur, begaben sich Otto und ich an die betreffende Stelle, um festzustellen, wo sie herkam, wo sie hinlief und an welchem Platz am besten die Falle anzubringen sei.

Am nächsten Tag wurde eine neue Marderfalle angefertigt, und in solchen Sachen war Otto ein wahrer Meister. Etwas Schwierigkeiten machte die Herstellung der Feder, aber die Falle wurde noch am gleichen Tage fertig und funktionierte einwandfrei. Tiefe Zacken an den Innenkanten der Fallbügel wurden nicht vergessen. Noch am selben Abend begaben wir uns an die ausgesuchte Stelle, legten die Falle fachgerecht unter den Schnee und banden sie mit einem kräftigen Draht an einem eisernen Zaunpfosten fest. Nunmehr ging es in flottem Tempo nach Hause, ein handfester Knüppel aus Eichenholz wurde bereitgestellt, der Wecker auf 1 Uhr nachts gestellt und dann wurde geschlafen. Pünktlich tat der Wecker seine Arbeit, gespannt und erwartungsvoll wurden die Kleider übergeworfen und im Laufschritt ging es, Otto mit dem Knüppel vornweg, in die sternenklare, kalte Nacht hinaus.

Bis auf etwa 30 bis 40 Schritte herangekommen, sah man, etwas undeutlich allerdings, einen dunklen Klumpen an der Stelle, wo die Falle sich befand. Otto fasste jetzt den Knüppel fester und kaum war er an diesem Klumpen heran, da versuchte der Marder, denn ein solcher war es, Reißaus zu nehmen. Mit einem gewaltigen Streich erwischte Otto noch das Hinterviertel, aber auch in demselben Augenblick schnellte der Marder herum, um wie ein Pfeil auf das Schienbein von Otto zuzuschießen. Die festgebundene Falle, in der der Marder mit seinem einen Hinterbein eingeklemmt war, war die Ursache, dass er nicht genügend Spielraum hatte, um das Schienbein zu erreichen. Aber schon sauste eine Reihe von Schlägen auf den Kopf des Marders. Der Sieg war unser, der Marder war tot. Beim Losbinden der Falle mussten wir noch zu unserem Entsetzen feststellen, dass der Marder die untere Partie der Holzzäune, soweit er Spielraum hatte, zerfressen hatte.

Nunmehr ging es wieder im Laufschritt zurück, der Marder wurde aus der Falle herausgenommen und in der Schmiede aufgehangen. Es war ein prächtiges Exemplar, aber das Hinterbein, das in der Falle stak, war um ein gutes Stück länger wie das andere, und der Kopf fühlte sich an wie ein Gummiball. Im Bett wurde dann noch darüber gesprochen, was wir wohl für den Pelz bezahlt erhielten, und wir rechneten mit 20 RM, wobei ich es nicht unterließ, auf meinen mir zukommenden Anteil hinzuweisen. Am nächsten Tag mussten wir aber leider erfahren, dass das schwer verletzte Hinterbein und der zerschlagene Schädel den Pelz ziemlich entwertet hatten. Nur 5 RM wurden bezahlt, und ich verzichtete großzügig auf meinen Anteil. Das nächste Mal wollten wir es besser machen. Aber ein weiterer Erfolg blieb uns versagt. Sorgfältig wurde die Falle am Ende des Winters gegen Rost geschützt und verwahrt, um beim nächsten Winter wieder zur Hand zu sein.

In demselben Jahr aber noch musste Otto zur Musterung, um im Herbst zum 17. Infanterieregiment nach Germersheim einzurücken. Im gleichen Herbst war einige Wochen früher der älteste Bruder Karl als Reservist entlassen worden und in die väterliche Schmiede zurückgekehrt. Karl war nunmehr mein Lehrgeselle geworden. Durch seinen bereits geschilderten Erfolg bei dem Preishufbeschlagen als 18-jähriger Geselle hatte er jetzt schon weit und breit den Ruf eines tüchtigen Handwerkers, und insbesondere ließen Besitzer wertvoller Pferde von der weiteren Umgebung, wie z.B. Bad Münster/Stein, Bad Kreuznach, selbst der Tabakfabrikant Gräf aus Bingen, ihre Pferde in unserer väterlichen Schmiede beschlagen.

Inzwischen war meine Lehrzeit beendet, und von meinem 16. bis 19. Lebensjahr arbeitete ich als Geselle und lernte weiter von meinem Bruder Karl sehr viel. Damit soll nun nicht gesagt sein, dass mein Vater sich als Lehrmeister aus dem Geschäft zurückgezogen hätte und in den Ruhestand getreten wäre. Das war keineswegs der Fall, im Gegenteil. Zu dieser Zeit, 56 Jahre alt, gesund und rüstig, arbeitete er noch von früh bis spät und mit seinem großen Können, seiner Strenge, wenn er glaubte, sie gebrauchen zu müssen, aber auch in seinem gerechten und klugen Handeln und in seiner großen Güte, Liebe und Fürsorge für uns Söhne und Töchter und auch unserer fleißigen und herzensguten Mutter gegenüber, überstrahlte er das ganze Haus wie ein Gestirn bei klarem Himmel. Es war sein Geist, der sich auf die Gesellen und Lehrlinge übertrug und der in uns die Grundlage bereitete für eine spätere eigene Existenz und eine gesicherte Zukunft.

Mein Vater war bayrischer Staatsangehöriger, ein sehr guter Bayer, aber noch viel mehr ein guter Deutscher und großer Bismarckverehrer und er verstand es meisterlich, die Liebe zum deutschen Vaterland, aber auch die Ehrfurcht vor dem Schöpfer aller Dinge tief in unsere Herzen zu versenken. In langen Jahren bekleidete er verschiedene Ehrenämter, u.a. auch jahrzehntelang und bis zu seinem Tod das kirchliche Amt eines Presbyters. Zu den Äckern, die er von seinem Vater und insbesondere von seinem Schwiegervater geerbt hatte, hatte er sich im Laufe der Jahre noch eine Anzahl dazugekauft, darunter einen Weinberg, der den eigenen Bedarf ausreichend deckte. Dadurch betrieb mein Vater eine kleine Landwirtschaft, und im Stall befanden sich immer zwei Kühe, zwei Ziegen und zwei Schweine. Zur Erledigung dieser Arbeiten in den Äckern fehlte mein Vater sehr viel in der Schmiede, was weiter nicht nachteilig war, denn eine gute Vertretung durch die eigenen Söhne war ja stets vorhanden.

An die ersten Jahre meiner Gesellenzeit, vom17. bis 19. Lebensjahr, bis dahin noch im elterlichen Geschäft tätig gewesen, sind mir viele frohe Erlebnisse, aber auch manche nichtsnutzige Streiche in Erinnerung geblieben. Von meinen Kameraden war der eine der Sohn eines Bierbrauereibesitzers, der zweite der Sohn eines Küfermeisters und Geselle im elterlichen Geschäft. Der Vater des dritten war nebenbei Besitzer eines größeren Weinberges, auf dem ein ganz vorzüglicher Wein wuchs. Der vierte war bei seinem Vater als Schreinergeselle tätig, und Wein lag durchweg in jedem Keller.

Wir hatten nun außer den Kalenderfesttagen auch unsere eigenen Feste organisiert und festgelegt. So z.B. war es für uns eine wichtige Angelegenheit, wenn ein Kamerad eine neue Arbeitsschürze bekam. Das wurde in dem betreffenden Haus des Kameraden gefeiert, natürlich ganz diskret, und das „Weindippche“ wanderte dann so oft vom Keller in das Stübchen, in welchem wir zusammen waren, bis der Durst vollständig gelöscht war und der Frohsinn den Höhepunkt erreicht hatte. In der Kirche saßen wir fast jeden Sonntagvormittag, bzw. das mussten wir, und wir Kameraden waren dann gewöhnlich in einer Bank nebeneinander. Dies traf auch zu an einem Herbstsonntagvormittag, als der junge Wein im Fass brauste. Der Kamerad, dessen Vater, wie schon gesagt, einen besonders wertvollen Weinberg besaß, versicherte, dass der neue Wein besonders gut wäre und er hatte uns alle eingeladen, nach Schluss der Kirche dem Keller seines Vaters einen Besuch abzustatten. So etwas wurde natürlich nicht abgeschlagen, und flott ging es nach Schluss der Kirche in Richtung der Kellertüre zum brausenden jungen Wein.

Vorsichtig ging es in den Keller hinein, und verschlossen wurde die Türe von innen. Wir nahmen noch einen jungen Mann mit, der nicht zu unserer Kameradschaft gehörte und als einziger Sohn einige Häuser nebenan wohnte und der die Angewohnheit hatte, sehr vorlaut zu sein. Er lief uns kurz vor dem Weinkeller gerade in den Weg, und wir waren schnell einig, ihn einmal tüchtig einzuseifen, was uns auch glänzend gelang. Gläser zum Trinken waren nicht da, die waren aber auch nicht unbedingt erforderlich; uns genügte der vorhandene Gummischlauch. Der Sohn des Hauses hatte das Wort. Er führte den Schlauch in das Fass hinein, sog die Luft heraus und dann läuft bekanntlich der Wein ununterbrochen zum Schlauch heraus, vorausgesetzt, dass das Außenende etwas tiefer gehalten wird als die Flüssigkeit im Fass.

Nun nahm der Erste den Schlauch in den Mund, trank solange wie er wollte und steckte das Ende des Schlauches gleich dem Nebenmann in den Mund. So ging es der Reihe nach immer weiter, bis nach und nach keiner mehr Durst hatte. Dass der Tropfen besonders gut war, bestätigten wir alle. Insbesondere das einzige Söhnchen, dessen Vater nichts Derartiges im Hause hatte, nahm die Gelegenheit wahr und trank, was das Zeug hielt. Nun ist das eine eigene Sache, wenn man von dem gärenden jungen Wein zuviel getrunken hat. Im Keller merkt man das erst gar nicht. Sobald man aber aus dem Keller herauskommt an die frische Luft, wird es gefährlich. Wir mussten ja nun aus dem Keller heraus. Durchweg waren wir Kameraden aber ziemlich trinkfest und erreichten das väterliche Haus …

Otto wird Schirrmeister

Mein Bruder Otto, der schon ein Jahr vor diesem Herbst seine zweijährige Dienstzeit beendet hatte, arbeitete um diese Zeit in einer Wagenfabrik in Hannover, um sich weiterzubilden und um weiter zu lernen. In dieser Wagenfabrik wurden meist Wohn- und Möbelwagen gebaut. Er wollte aber den Luxuswagenbau erlernen, und seine Bemühungen, eine derartige Stelle zu erhalten, hatten schließlich Erfolg. Er wechselte in eine Luxuswagenfabrik, in der alle Luxuswagen, die es damals gab, gefertigt wurden, wie Bracks, Sandschneider, Doggards, Mylords, Landauer und dann als besondere Spezialität wunderbare Leichenwagen. Die Holzgestelle dieser Wagen wurden nicht in der eigenen Fabrik hergestellt, sondern von einer Stellmacherei geliefert. Dagegen wurden die Schmiede- und Schlosser-, die Sattler- und die Lackierarbeiten in eigener Fabrik ausgeführt.

Schon bald nach dem Eintritt wurde mein Bruder zum Schirrmeister ernannt, und von nun ab unterstanden ihm die Schmiede und die Schlosserei. Im Gesamten wurden in den drei Abteilungen etwa 30 Leute beschäftigt. Es war also keine große Fabrik, es wurde aber eine schöne und saubere Arbeit geleistet. Mein Bruder arbeitete praktisch mit und schmiedete die schwierigsten und wichtigsten Teile der Kutschwagen. In den Feierabendstunden machte er von jedem in der Fabrik hergestellten Wagen außer einer Gesamtzeichnung auch Detailzeichnungen, in welch letzteren er dann auch die genauen Maße vermerkte. Er schrieb regelmäßig Briefe und legte dann auch diese Zeichnungen zur Verwahrung bei. Diese Briefe, insbesondere aber die Zeichnungen, studierte ich immer mit dem größten Interesse. Ich ließ es mir nicht nehmen, diese Briefe nach meiner eigenen Auffassung zu beantworten, und bald waren wir uns einig, dass ich zu ihm ins gleiche Geschäft nach Hannover kommen sollte. Der Vater gab seine Einwilligung.

Am ersten Sonntag im Monat Mai des Jahres 1900 fuhr ich mit dem Frühzug mit meinem Vater, der mich bis Hannover begleitete, nach Bingen/Rhein. Dort bestiegen wir einen herrlichen, großen Rheindampfer, und gegen neun Uhr morgens machte er vom Ufer los und dampfte rheinabwärts. Die Obstbäume beiderseits des Rheins standen in voller Blüte und boten einen wunderbaren Anblick, dazu die Maiensonne bei wolkenlosem Himmel. Wir hatten natürlich den Fernstecher nicht vergessen und jedes Dorf und jede Stadt am Ufer, insbesondere aber jede Burg, wurden gründlich in Augenschein genommen. Eine Landkarte vom ganzen Rheintal, die wir vor der Abfahrt in Bingen gekauft hatten, zeigte uns die Namen der Burgen und Orte, und wir wussten daher zu jeder Minute, wo wir uns befanden.

Inzwischen war es Mittag geworden, und die Schiffsglocke rief die Fahrgäste in den Speisesaal. Als wir an der Tafel saßen, war es das Erste, die Speisekarte zu studieren, und mir lief förmlich das Wasser im Munde zusammen, zudem ich auch einen guten Hunger verspürte. Bei einer guten Flasche Rheinwein schmeckte dann auch das Essen vorzüglich, und ich vertrat die Meinung, vorher noch nie so gut gegessen zu haben wie auf diesem Dampfer. So gestärkt ging es anschließend wieder auf Deck, um zunächst festzustellen, welche Strecke zurückgelegt worden war, die wir uns nicht beschauen konnten. Der Fernstecher kam wieder zu seinem Recht.

Nachmittags gegen fünf Uhr näherten wir uns der Stadt Köln. Der Blick auf die Stadt und insbesondere auf die großen und schmucken Häuser am linken Rheinufer und auf den Kölner Dom imponierte mir besonders. Der Dampfer legte am Ufer an, denn gemäß unserem Reiseprogramm wurde in Köln übernachtet. Nachdem ein Hotel ausgemacht worden war, das sich am Heumarkt befand, steuerten wir mit unserem Gepäck darauf zu, nahmen Besitz von einem Zimmer und stärkten uns. Unser Programm für den Abend war noch ziemlich umfangreich, und ohne uns länger als nötig im Hotel aufzuhalten, ging es nach dem Rheinufer. Dort lag eine Torpedobootflotille der kaiserlichen Marine vor Anker, die wenige Tage vorher von der Nordsee aus in den Rhein eingelaufen war, um den großen Rheinstädten einen Besuch abzustatten. Selbstverständlich waren die Boote zur Besichtigung freigegeben, und nachdem wir uns Eintrittskarten gelöst hatten, konnten wir nach einigem Warten die Boote betreten und unter Führung eines Marineingenieurs besichtigen.

Für mich bedeutete dies ein besonderes Erlebnis, und es weckte mein Interesse für die kaiserliche Marine außerordentlich. Nach Beendigung dieser Besichtigung durchwanderten wir die Hauptstraßen und einige Hauptplätze der Stadt, vor allem aber besichtigten wir den Kölner Dom. Wir benutzten oft die Straßenbahn, um schneller voranzukommen, besonders, wenn es sich um größere Entfernungen handelte. Viele Strecken wurden noch mit Wagen befahren, die von Pferden gezogen wurden, und als wir gegen 11 Uhr abends zu Bett lagen, hörten wir noch diese Trambahnpferde mit ihrem gleichmäßigen Getrapp über die Pflastersteine, mit denen der Boden zwischen den Gleisen bestückt war. In der Frühe des nächsten Tages wurde der D-Zug bestiegen, mit dem wir um die Mittagszeit die Stadt Hannover erreichten.

Besuch in Hannover

Voller Erwartung, insbesondere was mich betraf, betraten wir den Bahnsteig, als auch schon mein Bruder Otto auf uns zukam. Ich war begeistert, ihn nach mehr als anderthalb Jahren wieder zu sehen, und er machte in seinem neuen hellgrauen Anzug, dunklen Schlapphut und tadellosen Schuhen, alles Fabrikate aus der Stadt Hannover, und mit seinem blühenden Aussehen einen tadellosen Eindruck. Wir sprachen das Pfälzer Platt, er dagegen das feine Hochdeutsch der Stadt Hannover. In lebhafter Unterhaltung ging es zum Bahnhof hinaus auf den Ernst-August-Platz, der in seiner tadellosen Anlage mit dem Ernst-August-Denkmal geschmückt ist und von welchem eine Reihe von Straßen strahlenförmig abzweigen.

Unser Weg führte uns in das Haus meines zukünftigen Chefs, von welchem wir zum Mittagessen eingeladen waren und erwartet wurden. Mit der Straßenbahn war das Haus nur auf einem Umweg zu erreichen, und da wir alle drei gut zu Fuß waren, entschlossen wir uns, auf dem kürzesten Weg zu laufen. Dieser führte uns nun vom Ernst-August-Platz über die Bahnhofstraße zur Georgstraße, die wir überqueren mussten, und hier waren wir an der Stelle der Stadt, die den stärksten Verkehr aufzuweisen hat. Aus einem kleinen Städtchen aus der ländlichen Gegend kommend und bisher noch nie für kürzere oder längere Zeit in einer Großstadt gewesen, war mir ein solches Treiben und ein solches ununterbrochenes Hin und Her und Kreuz und Quer ungewohnt und erstaunlich. Von hier aus führte uns der Weg zunächst durch engere Straßen, in welchen sich aber die Hauptgeschäfte und die großen Warenhäuser befanden.

Diese Hauptgeschäftsstraßen hinter uns lassend, bogen wir in die Schlossstraße ein und erblickten linker Hand das königliche Schloss, das vor 1866 von dem König von Hannover bewohnt wurde. In der Verlängerung der Schlossstraße marschierten wir in die Cahlenbergerstraße und überquerten dabei die Leine, die bekanntlich durch die Mitte der Stadt Hannover fließt. Am Ende dieser ziemlich langen Cahlenbergerstraße bogen wir links schwenkend in die Goethestraße ein, passierten gleich linker Hand die Militärhufbeschlagschmiede und erreichten alsdann die Ohestraße, in welcher sich das Wohnhaus und die Fabrik meines zukünftigen Chefs befand. Nach diesem flotten, etwa 20 Minuten dauernden Marsch traten wir in das Wohnhaus ein, und nach einem sehr freundlichen Empfang waren wir schnell in einem sehr lebhaften Gedankenaustausch. Nach dem Mittagessen machten wir einen Rundgang durch die Fabrikräume, und nachdem wir auch noch den Kaffee eingenommen hatten wurde die Stadt besichtigt, unter Führung des Chefs selbst.

Dass Hannover eine sehr schöne Stadt war, hatte ich oft genug in den Briefen gelesen, die Bruder Otto aus Hannover gesandt hatte. Meine Erwartungen wurden aber noch weit übertroffen, und die Gewissheit, dass ich nunmehr in dieser schönen Stadt leben, schaffen und lernen konnte, machte mich froh und glücklich. Spät am Abend betraten wir das Hotel, in dem mein Vater übernachtete und in welchem wir uns noch das Essen und das Bier gut schmecken ließen. Mein Bruder Otto wohnte in der Lindenbergstraße und hatte ein Wohn- und Schlafzimmer als Wohnung, und in diese nette und ganz geräumige Wohnung zog ich am gleichen Abend ein.

In der Frühe des nächsten Tages reiste mein Vater nach Hamburg ab, um einen in Lauenburg ansässigen guten Freund zu besuchen. Von hier aus besuchte er noch einige andere norddeutsche Städte und kam dann nach achttägiger Abwesenheit wieder in Obermoschel an. In dieser Stunde aber, in der mein Vater aus Hannover hinausfuhr, stand ich schon mit meinem Bruder in der Schmiede, um meine Arbeit aufzunehmen. Und wieder war Otto, genauso wie vor Jahren im elterlichen Geschäft, mein Lehrgeselle, und ich war froh darüber.

Die genau geregelte Arbeitszeit, die morgens um 7 Uhr begann und abends um 6 Uhr endete, mit den auf die Minute festgesetzten Frühstücks-, Mittags- und Vesperpausen, imponierte mir. Das Mittagessen nahmen wir in einer Restauration in der Cahlenbergerstraße ein, das Abendessen dagegen zuhause in unserer Wohnung. Nach norddeutscher Art bestand dieses Abendessen meistens aus kalter Küche mit Tee, welch letzteren uns die Wirtin immer vorzüglich bereitete. Nur samstag- und sonntagabends aßen wir in irgendeinem guten Restaurant.

Als leidenschaftlicher Turner war mein Bruder aktives Mitglied des Turnvereins Sachsenross Hannover, und da auch ich gerne und auch gut turnte, war es selbstverständlich, dass ich sofort in diesen Verein eintrat. Das Sachsenross ist bekanntlich das Wahrzeichen des Königreichs Hannover gewesen, und dass das Hannoversche Heer 1866 von den Preußen geschlagen und das Königreich von Bismarck ausgelöscht wurde, hatte man in Hannover noch lange nicht vergessen. Die Preußen waren sehr schlecht gelitten, und es wäre nie möglich gewesen, dass ein Preuße hätte Mitglied des Turnvereins Sachsenross werden können. Otto und ich waren aber Bayern und demnach Angehörige eines Staates, der 1866 mit Hannover verbündet war, und aus diesem Motiv heraus wurde auch ich nicht nur einstimmig als Mitglied aufgenommen, sondern wir waren beide geachtet und gerne gesehen.

Gemäß der Größe und der Vornehmheit des Vereins waren auch die Lokalitäten entsprechend. In einem großen Saal waren alle Turngeräte, die es nur geben konnte, aufgestellt, und auch verschiedene Sprungtücher zum Üben der Saltos vom Sprungbrett und vom Reck waren vorhanden. Angeschlossen an diesen Turnsaal war ein Restaurationsraum, in welchem wir uns regelmäßig nach der Turnstunde erfrischten, unterhielten und unsere Turn- und Vaterlandslieder sangen. Das Lied „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“ oder ähnliche haben nie auf dem Programm gestanden. Von unserer Wohnung in der Lindenbergstraße bis zu diesem Turnlokal war es ein ziemlich weiter Weg, und es wäre nahe liegend gewesen, denselben mit der Straßenbahn zurückzulegen. Da aber zweimal in der Woche geübt wurde, wäre das wöchentlich für uns beide eine Ausgabe von 2 RM gewesen. Dafür hatten wir aber immer andere Verwendung, und im flotten Tempo ging es daher zu Fuß zur Turnstunde und auch wieder zurück.

Zwei Turner überragten durch besondere Leistungen. Der eine davon war Otto. Der andere war darüber hinaus noch ein Handstandkünstler, und er brachte es fertig, ständig im Handstand verbleibend, mit den Händen einen Würfel auf den anderen zu setzen, bis er schließlich, immer wieder im Handstand, auf zwei Würfelpyramiden von ca. 1 m Höhe zunächst auf beiden Händen und dann anschließend auf der einen Hand stand. Solche und ähnlich schwierige Tricks führte er hin und wieder auf der Varieté-Bühne des Mellini-Theaters Hannover vor. Er war auch ein ausgezeichneter Reckturner, wurde aber an diesem Gerät zum mindesten von meinem Bruder Otto erreicht, wenn nicht sogar überflügelt.

Beide trugen sich daher mit dem Plan, eine Varieté-Nummer am dreifachen Reck einzuüben und damit auf die Bretter zu gehen, wobei mein Bruder die Rolle des Clowns zu spielen hätte. Es wurde fleißig geübt, und es klappte auch wunderbar. Otto konnte aber nicht umhin, diese Absicht dem Vater mitzuteilen und seine Einwilligung zu erbitten, und nun kam das Tragische in Gestalt eines Briefes, dass er das elterliche Haus nicht mehr betreten dürfe, wenn er sein erlerntes Geschäft an den Nagel hängen würde. Damit war dieser Traum ausgeträumt. Hier zeigte sich wieder die Strenge unseres Vaters, wenn es galt, grundlegende Entscheidungen zu treffen, nachdem er eine Lage einmal klar überschaut hatte. Wie richtig seine Entscheidung war, hatte Otto erst später erfahren dürfen, denn er gründete im Jahre 1903 ein Geschäft in Obermoschel und fabrizierte landwirtschaftliche Geräte und Maschinen. Dieses Geschäft entwickelte sich mit den Jahren sehr gut, und er lieferte seine Fabrikate nicht nur in alle Gegenden der Pfalz, sondern auch darüber hinaus.

Der Turnverein Sachsenross hatte viele wohlhabende Gönner, und einer davon wohnte ungefähr 10 bis 12 Kilometer außerhalb der Stadt Hannover auf dem Lande und war Gutsbesitzer. Seit langen Jahren war es die Regel, dass die gesamten aktiven Turner zu einem großen Wurstessen eingeladen wurden. Dieses Essen fand immer am ersten Sonntag des neuen Jahres statt. Da ich ein Jahr in Hannover war, war ich selbstverständlich auch einmal beteiligt. Am ersten Sonntag des Jahres 1901 marschierten wir Sachsenross-Turner in bester Stimmung durch tiefen Schnee und den kürzesten Weg einschlagend teilweise über Feldwege und erreichten so schon in den Vormittagsstunden den Gutshof. Zum Mittag- und zum Abendessen wurde dann so viel aufgetragen, in der Hauptsache aber Wurst, bis keiner mehr in der Lage war, noch irgendetwas zu sich nehmen zu können. Dafür zahlte jeder 20 Pfg, und das war das Trinkgeld für die Bedienung. Rundherum satt ging es dann abends frohgemut wieder nach Hause.

Natürlich fehlte es in einer so großen Stadt nicht an Abwechslung und Unterhaltungen. Da war zunächst das Mellini-Theater mit seinem Varieté-Programm, das jeden Monat wechselte. Wir versäumten fast nie, jedes Programm zu sehen, in der Hauptsache wegen den turnerischen und akrobatischen Vorführungen. Um diese Zeit fand in diesem Theater ein großer Preis-Ringkampf statt, und die besten und bekanntesten Ringkämpfer des In- und Auslandes waren vertreten. Als Favorit galt ein Russe namens Lurich, ein Mann, der auch schon wegen seines wunderbar athletischen Körperbaus besonders auffiel. Aber auch ein Münchner Ringkämpfer namens Hitzler zählte zu den Besten und fiel durch seine Wendigkeit besonders angenehm auf. Als Bayer und Landsmann hatten Otto und ich die größten Sympathien, und solange dieser Wettstreit dauerte, besuchten wir fast jede Vorstellung. Die Ausscheidungskämpfe hatten das Ergebnis, dass der Russe Lurich und der Bayer Hitzler als die Besten die Entscheidung um den ersten Preis austrugen, und auch an dieser letzten Vorstellung fehlten wir nicht, und was kaum einer für möglich hielt, geschah. Nach einem langen und schweren Ringkampf legte Hitzler den Lurich überraschend und blitzschnell auf beide Schultern. Das war natürlich ein allgemeines Stadtgespräch geworden, und in der nächsten Turnstunde wurden Hitzler, Otto und ich als Bayern besonders geehrt.

Ganz in der Nähe unserer Fabrik befindet sich der Waterloo-Platz mit einer Kaserne, in welcher ein Hannoversches Infanterieregiment lag. Plötzlich wurde bekannt, dass der Kaiser nach Hannover komme, um sämtliche Regimenter der Garnison zu besichtigen. Die Parade fand auf dem Waterloo-Platz statt. Dieses Schauspiel ließ ich mir natürlich nicht entgehen, und ich hatte Glück und konnte von meinem Platz aus den Kaiser gut sehen. Herrlich war es anzuschauen, als das Königs-Ulanen-Regiment in Gala-Uniform paradierte.

Ganz in der Nähe unserer Fabrik befand sich dann in der Goethestraße eine Militärhufbeschlagschule, und der praktische Lehrer und Leiter dieser Schule war ein Oberfahnenschmied der Königs-Ulanen. Er speiste mittags in derselben Restauration in der Cahlenbergstraße, wo auch Otto und ich unsere Mittagsmahlzeiten einnahmen. Häufig saßen wir zusammen an einem Tisch, und öfters waren wir auch in den Räumen der Beschlagschule gewesen. Die zu dieser Beschlagschule abkommandierten Kavalleristen kamen von allen möglichen Regimentern. So sah man Dragoner, Ulanen, Kürassiere, schwarze, rote, grüne Husaren usw. Jeden Sonntagvormittag konnte man die Schüler sehen, wenn sie in ihrer Gala-Uniform geschlossen zur Garnisonskirche marschierten. Das war ein buntes, aber herrliches Bild, und ich habe sie oft an mir vorbeimarschieren sehen.

Als Pferdekenner und Pferdeliebhaber fehlten Otto und ich auch nie, wenn in Hannover ein Pferderennen stattfand. Gewettet haben wir natürlich nie, denn dafür hatten wir nie Geld übrig. Sonntagnachmittags führten uns unsere Spaziergänge in der Regel an sonnigen Tagen in die Eilenriede oder nach Herrenhausen. Als unzertrennliche Kameraden marschierten wir alsdann von unserer Wohnung durch die Lindenstraße zum Königswörter-Platz, woselbst nebenbei bemerkt die Königs-Ulanen-Kaserne stand, und von da aus durch die herrliche Herrenhauser Allee, an welcher auch die Technische Hochschule liegt, nach den Schlossgärten von Herrenhausen. Regelmäßig fanden in denselben Militärkonzerte statt, sodass man bei Kaffee und Kuchen und anschließend bei einem guten Glas Bier eine wunderbare Unterhaltung hatte.

Die Wochentage galten natürlich, wie überall, der Arbeit, und es waren Seltenheiten, wenn wir nicht Punkt sieben Uhr in der Frühe in der Arbeitskleidung bereitstanden. Wir brauchten von der Wohnung bis zur Fabrik in flottem Marsch 20 Minuten. Es kam vor, dass wir erst 10 Minuten vor sieben die Wohnung verließen. Alsdann ging es in ununterbrochenem Laufschritt bis zur Fabrik. Das war für uns dann ein Training zum Langstreckenlauf. Meine Arbeiten an den feinen Wagen machte ich mit Lust und Liebe und lernte daher sehr viel.

Die Wochen und Monate vergingen, und es kam der Tag, wo ich mich zur ersten Musterung einzufinden hatte. Ich wurde zur Infanterie eingezogen. Da aber mein Vater den Wunsch äußerte, nicht im preußischen, sondern im bayrischen Heer zu dienen, nahm ich im Juli 1901 Abschied von meinem Chef, von meinem Bruder Otto und von Hannover. Ein Jahr und zwei Monate herrlicher Jugendzeit waren vorüber. Mein Fazit: Schön ist die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr!

Die Geschichte mit den Aalen

Es kam der Tag der Generalmusterung mit dem Ergebnis, dass ich zum zweiten bayrischen Pionier- Bataillon in Speyer/Rhein eingemustert wurde. Bis zum Oktober 1901, dem Tag meines Einrückens zum Militär, arbeitete ich im väterlichen Geschäft. Die Strapazen des Pionierdienstes verursachten mir keine Schwierigkeiten, denn ich war trainiert, an harte Arbeit gewöhnt und darüber hinaus noch ein guter Turner. Als bester Turner der Rekruten fiel ich bei meinem Hauptmann angenehm auf, der gerade auf das Turnen großen Wert legte.

Zu Beginn des zweiten Dienstjahres ernannte er mich zum Unteroffizierdiensttuer und als solcher zum Korporalschaftsführer. Anstatt wie im ersten Dienstjahr immer zu gehorchen, konnte ich jetzt auch befehlen, und das war ein erheblicher Unterschied. Während in der Regel andere Waffengattungen nur an einem Manöver, dem Herbstmanöver, teilnahmen, war das bei uns Pionieren anders. Wir nahmen zwar auch an dem Herbstmanöver teil, hatten aber zuvor ein Pionier- oder Festungsmanöver. Ein reines Pioniermanöver fand Ende Juli/Anfang August im Unterelsass am Rhein und an der Moder statt und währte 14 Tage. An diesem Manöver nahmen noch das bayrische Pionier-Bataillon Ingolstadt und zwei preußische Pionier-Bataillone teil.

Bei der Herstellung eines Drahthindernisses an dem ganz mit Schilf bewachsenen Ufer der Moder machten wir, obwohl sorgfältig versteckt, einen Fischkasten aus, in dem verschiedene Aale gefangen waren. Es war nicht leicht, diese glatten Viecher zu fassen und herauszuholen. Aber es musste gelingen, und es gelang auch. Mit ungefähr acht Kameraden, darunter zwei Schiffer aus Speyer, die übrigens in solchen Sachen fachkundig waren, wurden die Aale abends nach Dunkelwerden am Biwakfeuer gebraten und verspeist. Kaum war das beendet, mussten wir feststellen, wie ein Zivilist ganz aufgeregt unseren Hauptmann zu sprechen wünschte. Was derselbe wollte, konnten wir bei der gleich darauf stattfindenden Unterredung mit unserem Kompaniechef hören, denn er war der Besitzer des Fischkastens und der Aale. Unser Hauptmann versprach eine Untersuchung, und uns stand schon ein entsprechender Mittelarrest vor Augen. Sehr angenehm überrascht waren wir, als sich unser Hauptmann mit lächelnder Miene wieder zurückzog, nachdem der Aalbesitzer entlassen war und überhaupt keine Untersuchung durchführte. Sicherlich hätte er es als Pionier auch nicht anders gemacht. Es wurde der Vorschlag gemacht, aus Dankbarkeit das nächste Mal unseren Hauptmann einzuladen. Wir fanden auch nochmal einen Fischkasten, der war aber leer.

Der Spätsommer und der Herbst meines zweiten Dienstjahres brachten besonders anstrengende Manöver und zwar als Erstes ein dreiwöchiges Pontoniermanöver auf der Donau in Niederbayern und daran anschließend ein dreiwöchiges Festungsmanöver bei Ingolstadt. Bei dem ersten Manöver fiel uns Soldaten besonders unangenehm auf, dass in den Ortschaften kaum ein Mädel zu sehen war. In dieser ganz katholischen Gegend hatte nur der Pfarrer zu befehlen und er befahl sonntags auf der Kanzel, dass während der Dauer der Einquartierung kein Mädel aus dem Haus dürfe.

Es gab aber auch Angenehmes. So kostete ein Eierpfannkuchen mit 5 Eiern und Speck gebacken nur 30 Pfennig und eine gebratene Gans, die in dieser Gegend besonders groß ist und sogar gefüllt, nur 3 RM. Ich und drei andere Unteroffiziere hatten trotz besten Appetits Mühe, zum Mittag und zum Abend die Gans zu bewältigen. Porzellanteller kannte man bei den Bauern dieser Gegend nicht. Entsprechende Vertiefungen in der Tischplatte ersetzten diese. Wo auch dieser Tisch fehlte, wurde uns das Essen in einer großen Schüssel serviert, unten in der Schüssel die Kartoffeln und das Gemüse und darüber, rundherum verteilt, das Fleisch. Nach dem Abrücken von einem solchen Quartier behauptete ein Kamerad, dass wir in der gleichen Schüssel auch unsere Füße gewaschen hätten. Wir mussten uns bei dieser Behauptung etwas schütteln, konnten aber mit Recht sagen, noch nie so gutes Schweinefleisch gegessen zu haben wie bei den Bauern in Niederbayern. Die Schweine laufen nämlich wie Kühe auf der Wiese herum und sind beinahe so mager wie ein Kalb. Schön durchwachsen und ohne viel Fett kann es nichts Besseres geben als einen solchen Schweinebraten.

Die bayrische Armee stand in der Friedenszeit unter dem Oberbefehl des bayrischen Königs, jedoch hatte der deutsche Kaiser das Recht, die bayrischen Truppen zu inspizieren oder inspizieren zu lassen, um sich von dem Stand der Ausbildung und der Kriegsverwendbarkeit zu überzeugen. Zu diesem Zweck hatte der Kaiser den General von Baseler zu diesem Pioniermanöver befohlen, und aus diesem Grunde war auch das Manöver besonders anstrengend. Der preußische General sollte ja den besten Eindruck von den bayrischen Pionieren mitnehmen. Brückenschläge auf Brückenschläge folgten bei Tag und bei Nacht auf der Donau und auf der unteren, in diesen Tagen Hochwasser führenden und reißenden Isar. Aber auch diese Tage vergingen, und in einigen anstrengenden Märschen ging es von Niederbayern durch Oberbayern bis in die Nähe von Ingolstadt. Nach drei Ruhetagen begann dann dieses anstrengende dreiwöchige Festungsmanöver, an dem auch andere bayrische Truppenteile, insbesondere Infanterie, teilnahmen. Nachdem die Festung Ingolstadt glücklich erstürmt war, ging es mit der Bahn zurück zur Garnison nach Speyer/ Rhein. Zwei Tage später hatte die Reserve Ruhe.

Mich bei der Musterung zu den Pionieren nach Speyer auszuheben war, nebenbei bemerkt, ein glücklicher Gedanke von dem betreffenden Offizier. In Speyer/Rhein, Wormserstr. 9, betrieb nämlich ein Onkel von mir ein Sattlergeschäft mit einem Kaufladen verbunden, in welchem alle möglichen Artikel aus Leder zu kaufen waren. Im Laden bediente hauptsächlich das damals 17-jährige Töchterchen Käthe. Ebenso wie mein Vater war mein Onkel auch aus Unkenbach gebürtig und gründete in Speyer sein Geschäft, indem er das Haus Wormserstr. 9 käuflich erwarb. Durch Fleiß und Tüchtigkeit wurde sein Geschäft bald das erste am Platze, und er war nicht nur Lieferant sämtlicher Brauereien der Stadt, sondern auch der Offiziere des Pionier-Bataillons, sodass auch die Sättel in dem Laden nicht fehlten.

Der Onkel hielt große Stücke auf mich, und immer wieder sollte ich sonntags zu Besuch kommen zum Kaffee und zum Abendessen. Gerne nahm ich diese Einladungen an, aber nicht immer war es mir möglich zu kommen, da man auch Verpflichtungen den Kameraden gegenüber hatte. Dass das Töchterchen Käthe später einmal meine Frau und damit der Onkel mein Schwiegervater werden sollte, daran dachte zu dieser Zeit noch niemand. So gerne ich Abschied nahm von der Kaserne, so ungern geschah dies von dem gastlichen Haus meines Onkels. Mit vielen guten Ratschlägen und Ermahnungen von ihm musste doch geschieden sein, und am gleichen Tage noch erreichte ich wieder das väterliche Haus in Obermoschel. Inzwischen hatte sich meine älteste Schwester Elise verheiratet, und ihr Auserwählter, auch ein gebürtiger Unkenbacher, der bei meinem Onkel in Speyer das Sattlergeschäft erlernte, hatte sich in Obermoschel ein schmuckes Haus gebaut, mit Werkstätte und mit Kaufladen, und sein lang gehegter Wunsch war in Erfüllung gegangen.

Man schrieb das Jahr 1903. Mein Bruder Otto war von Hannover zurückgekehrt und im Begriff, sich ebenfalls in Obermoschel ein Geschäft zu gründen. Da aller Anfang schwer ist und er mit der Bitte an mich herantrat, ihm beim Aufbau zu helfen, kam ich selbstverständlich diesem Wunsch nach. Seinen Plan, in der Hauptsache landwirtschaftliche Geräte fabrikmäßig herzustellen, führte er durch, und nachdem der Aufbau in der Hauptsache durchgeführt war und die Fabrikation lief, musste ich wieder an mich denken, denn ich hatte noch allerhand vor.

Zunächst besuchte ich die Hufbeschlagschule in Bad Kreuznach, deren Besitzer und Lehrer ein sehr guter Bekannter meines Vaters war. Bei einem Verwandten, der daselbst ein Konditorei- und Bäckereigeschäft besaß, nahm ich Kost und Logis und war damit bestens aufgehoben. An dem nachmittäglichen Kaffeetisch, bei dem der Teller, mit feinem Gebäck gefüllt, nie fehlte, nahm ich immer besonders gerne Platz. Bei der am Schluss des Kurses stattfindenden Prüfung erhielt ich als Einziger unter den 12 Teilnehmern das Prädikat „sehr gut“. Der Beschlaglehrer war kinderlos und befasste sich mit der Frage der Nachfolge, denn er war etwa im Alter meines Vaters. Bei einem Besuch in meinem elterlichen Haus wurde beschlossen, dass ich die Hufbeschlag-Lehrmeisterschule in Berlin-Charlottenburg absolvieren solle, denn diese Schule musste man besucht haben, um eine Hufbeschlagschule führen zu können bzw. zu dürfen.

Berliner Zeiten

Nachdem meine Anmeldung von der Leitung dieser Lehrmeisterschule angenommen war, reiste ich Ende April 1905 nach Charlottenburg und nahm in dem gleichen Haus Kost und Logis, wo auch mein Lehrer der Kreuznacher Beschlagschule gewohnt hatte, als er die Hufbeschlag-Lehrmeisterschule besuchte. Besorgt um eine gute Unterkunft hatte er mir diese freundlicherweise vermittelt. Der Kursus begann am ersten Mai, und außer mir nahm noch ein Schmiedemeister aus Bamberg teil, dessen Vater in dieser Stadt eine Hufbeschlagschule besaß, die er seinem Sohn übertragen wollte. Außerdem waren eine Anzahl Hufbeschlagschüler, in der Mehrzahl Söhne Berliner Schmiedemeister, anwesend, um in einem dreimonatigen Hufbeschlagkursus die Berechtigung zu erwerben, ein Hufbeschlaggeschäft selbständig führen zu dürfen. Die Hufbeschlag-Lehrmeisterschule dagegen währte vier Monate.

Unsere beiden als Hufbeschlag-Lehrmeisterschüler bestehenden Aufgaben waren, die Beschlagschüler praktisch und theoretisch zu unterrichten, wofür wir besondere Instruktionsstunden in unserer Ausbildung erhielten. Die Lehrer für uns beide waren ein Oberstabsveterinär, ein Oberfahnenschmied und ein Zeichenlehrer. Wir hatten auch praktisch mitzuarbeiten und namentlich die kranken und fehlerhaften Hufe zu beschlagen. Dass in dieser Schule der Hufbeschlag in vollendeter Weise erlernt und ausgeführt wurde, bedarf keiner Frage. Am Schluss dieses Kursus, Anfang September, fand dann die Prüfung statt, die für meinen Kollegen aus Bamberg, der übrigens bei der Kavallerie gedient hatte und dortselbst Fahnenschmied gewesen war, und für mich einen ganzen Tag dauerte. Die Prüfung selbst wurde von Herrn Prof. Dr. Eberlein, einer Kapazität in diesem Fach und Herausgeber des Buches „Der Hufbeschlag“, geleitet und durchgeführt. Sowohl mein Kollege aus Bamberg als auch ich erhielten das Prädikat „sehr gut“, das auf dieser Schule nicht häufig vergeben wurde, und damit auch ein Diplom, das u.a. auch die Unterschrift dieses Professors trägt und das eingerahmt im Konferenzzimmer meiner Remscheider Fabrik hängt.

Der Bamberger und ich waren nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde geworden und benutzten die Stunden nach Feierabend und die Sonntage dazu, Berlin und die schöne Umgebung kennenzulernen. Wir beide, musik- und kunstliebend, besuchten an den Sonntagnachmittagen die Hauptausflugsorte der näheren Umgebung, woselbst regelmäßig Militärkapellen konzertierten. Insbesondere gefielen uns die Terrassen in Halensee, woselbst häufiger das große philharmonische Orchester zu hören war. Aber auch Theaterbesuche wurden nicht vernachlässigt, für die wir in der Regel die Samstagabende reservierten. Wenn einmal die Kasse nicht so war, wie sie hätte sein sollen, dann wurden Stehplätze genommen, die auch in den besten Theatern nie mehr als eine Mark kosteten.

In diesem Jahre lief im Metropol-Theater die erste Revue mit dem Titel „Auf ins Metropol“. Ich habe später noch viele Revuen in den großen Berliner Theatern gesehen, aber nie mehr eine, die mir so gut gefallen hätte. Die besten und berühmtesten Schauspieler und -spielerinnen der damaligen Zeit, wie z.B. Giampittro, Tilscher, die Massari und andere, hatten im Metropol ein Dauer- Engagement. Rund 400 Mal wurde diese Revue Abend für Abend und jedes Mal vor ausverkauftem Haus gegeben. Der Besuch der beiden großen Zirkusunternehmen Busch und Schumann stand ebenfalls hin und wieder auf unserem Programm.

Wunderbare Abwechslungen brachten die Besuche des Zeughauses, der Museen und der Kunstausstellungen. An den Sonntagvormittagen führte unser Spaziergang oft in den Tiergarten, um die wunderbaren gummibereiften Equipagen mit den herrlichsten Vollblutpferden, oft vierspännig, manchmal auch sechsspännig, mit den uniformierten Kutschern und Dienern vorbeikutschieren zu sehen. Rasch vergingen die Sommermonate, währenddessen ich den Plan fasste, da zu arbeiten und zu lernen, wo diese hochfeinen Luxuswagen gebaut wurden.

Es gab damals in Berlin drei große und feine Fabriken dieser Art und die berühmteste davon war die Firma Kühlstein, Kaiserliche Hofwagenfabrik in Charlottenburg. Dieser Fabrik galt auch meine erste Bewerbung, die auch Erfolg hatte und in welcher ich nach Beendigung der Hufbeschlag-Lehrmeisterschule die Arbeit aufnahm. Ich war jetzt 24 Jahre alt, und der Meister der Abteilung Schlosserei und Schmiede kam öfters an meinen Arbeitsplatz, um mir zuzuschauen und mit mir zu sprechen. Dass ein so junger Mann schon mit so schwierigen Arbeiten fertig wurde, kam nach seinen Äußerungen nicht so häufig vor. Bald lud er mich auch ein, ihn in seinem Haus zu besuchen, und er wurde mir von da ab ein wahrer väterlicher Freund. Das hatte nicht nur den Vorteil, dass ich immer mehr an die feinen Arbeiten herangeholt wurde, sondern auch, dass ich bald zum Schirrmeister ernannt wurde.

Wenn eine Arbeit in dem Wagenpark des kaiserlichen Marstalls auszuführen war, dann wurde ich fast jedes Mal hinzugezogen, und es war ein Genuss, die kaiserlichen Hofwagen und die Kutsch- und Reitpferde des Kaisers beschauen zu können. Ein Freund meines Meisters war in kaiserlichem Dienst und Aufseher der damals dem Kaiser gehörenden Pfaueninsel bei Potsdam, woselbst er auch wohnte. Ich wurde eingeladen, auch an den Besuchen auf dieser Pfaueninsel teilzunehmen, und es ging dann schon sonntags in aller Frühe mit der Stadtbahn hinaus bis zum Bahnhof Wannsee und von da ab in etwa ¾-stündigem Marsch nach der Insel. Dann wurde gefischt, Kahn gefahren, geschwommen und Rasenspiele durchgeführt, denn das Haus des Aufsehers lag nahe am Ufer des Wannsees. Eine Anzahl Spielkameraden und -kameradinnen waren dann immer anwesend.

Wenn im Winter der Wannsee zugefroren und das Eis genügend tragend war, dann wurde der Meister telefonisch verständigt, und dann ging es mit den Schlittschuhen auf die Pfaueninsel, und auf der wunderbaren Eisfläche des großen Wannsees konnte man sich nach Herzenslust austoben. Es passierte einmal, dass das Töchterchen meines Meisters, unkundig des Ruderns, allein in einem Kahn sitzend, durch einen heftigen Wind vom Ufer ab- und in den See hineingetrieben wurde. Sie war entsetzlich in Not und Angst. Als gedienter Pionier war es für mich nicht schwer, sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien, und ich galt nunmehr als ihr Lebensretter, was natürlich etwas übertrieben war. Aus diesem Anlass gab es aber an diesem Sonntagnachmittag einen besonders guten Kaffee.

Die Pfaueninsel war sehr klein, und man konnte sie in flottem Marsch, immer am Ufer entlanggehend, in einer guten halben Stunde umkreisen. Herrlich im Wannsee gelegen, hatte man nach drei Seiten hin einen schönen Blick über die großen Wasserflächen zu den jenseitigen Ufern. Pfauen waren immer zu sehen, jedoch nicht mehr so viele, wie das lange Jahrzehnte zuvor gewesen sein soll. Nach diesen Prachtvögeln erhielt das kleine Inselchen auch seinen Namen.

Es war nun so gut wie abgemacht, dass ich bald in Bad Kreuznach die Hufbeschlagschule übernehmen sollte und damit auch eine daran angegliederte, aber nicht in Betrieb befindliche kleinere Wagenfabrik. Da aber zur Führung und erfolgreichen Weiterentwicklung eines Geschäftes neben den praktischen Fertigkeiten auch kaufmännische vorhanden sein müssen, besuchte ich in den Stunden nach Feierabend die dementsprechenden Kurse. Diese Kurse wurden städtischerseits gefördert, und man konnte sich für wenig Geld alles das gründlich aneignen, was eben ein selbständiger Geschäftsmann auf kaufmännischem Gebiet alles können und wissen muss.

Die Hochzeit des deutschen Kronprinzen Wilhelm fand am 5. Mai 1905 statt, und das war ein ganz großes Ereignis, insbesondere für Berlin. Erst wenige Tage vorher war ich in Berlin eingetroffen und da ich mir für diesen Tag Urlaub nahm, konnte ich das großartige Schauspiel miterleben. Ich postierte mich schon Stunden vorher an der Tiergartenstraße in der Nähe des Tiergartenbahnhofes, weil der Kronprinz durch diese Straße seine Braut, die Prinzessin Cäcilie von Mecklenburg, einholend mit seinem ihm von der Stadt Posen gestifteten Galawagen bis zum Schloss Bellevue fuhr, in welchem alsdann die Hochzeit stattfand.

Ganz Berlin war an diesem Tag in Bewegung und die Tiergartenstraße beiderseits bis tief in die Anlagen hinein dicht von Menschen angefüllt. Von sechs Schimmeln gezogen bot dieser hellblau lackierte, in Gold abgesetzte Galawagen einen herrlichen Anblick. Infolge meines günstigen Standortes sah ich diesen Galawagen, aus dem der Kronprinz und die Prinzessin auf die brausenden Zurufe der Menschenmasse und das Tücherschwenken froh lachend grüßten, sowie auch alle anderen Hochzeitsequipagen ganz nahe an mir vorbeifuhren. Dieser kronprinzliche Galawagen war von der Kaiserlichen Hofwagenfabrik Kühlstein gebaut.

Um diese Zeit sah man in den Straßen Berlins noch wenige Automobile, aber sie waren schon da und auch schon so weit durchkonstruiert und brauchbar, dass man die Zukunft der Pferdekutsche ungünstig beurteilen musste. Aus dieser Beurteilung heraus hatte die Firma Kühlstein bereits den Bau von Karosserien für Automobile in Angriff genommen, und auch ich persönlich war schon mit der Herstellung von Beschlägen für Automobile beschäftigt. Eine ganze Reihe von Karosserien für den Hof, für Diplomaten und für Großindustrielle war im Bau, und ich war froh, auf einem so bevorzugten Platz den Anbeginn der neuen Branche miterleben und darin mitschaffen zu können.

Die Karosserien der damaligen Zeit sind auch ab und zu noch in der neueren Zeit zu sehen gewesen und zwar hauptsächlich in einer besonderen Abteilung der Automobilausstellungen, um den Unterschied von damals und heute zu zeigen, und man war dann immer erstaunt über den gewaltigen Fortschritt innerhalb einer so kurzen Zeit. In diesem Stadium des Automobilbaues war das Problem der Gummibereifung, insbesondere dasjenige für Personenwagen, nicht gelöst. Die Vollgummireifen, mit denen die Lastwagen ausgestattet waren, genügten nicht für den Personenwagen, und so lag ein dankbares Feld für die Konstrukteure und Erfinder vor. Interessant war dabei festzustellen, welche Wege die Erfinder mitunter beschritten, um zu einer idealen Lösung zu gelangen.

Es war der Beginn des Jahres 1906, als jemand, der sehr viel Geld besaß, der Direktion der Firma Kühlstein einen Plan vorlegte über neuartige federnde Räder für Personenwagen. Es war bekannt, dass Kühlstein keinen Auftrag ablehnte, wenn der Kunde schwer reich war, selbst wenn derselbe die schier unmöglichste Ausführung verlangte. Wenn ein solcher Kunde sagte, er wolle einen Wagen mit fünf Rädern haben, dann war die Antwort: „Wird selbstverständlich gemacht.“ Oder er sagte, er wolle einen Wagen mit nur einem Rad, dann wurde auch das zugesagt, und so wurde auch der Auftrag von dem Erfinder der federnden Autoräder, und zwar vier Räder, ohne Weiteres angenommen.

Die Räder wurden ganz aus Bronze gefertigt. In die Naben wurden Ölkammern eingebaut, die unteren Hälften der Speichen waren einerseits an die Naben angegossen und andererseits zylinderartig ausgebohrt. Die oberen Hälften der Speichen dagegen bewegten sich wie Kolben in den unteren Speichenhälften. Mit den Felgen standen die oberen Speichenhälften in gelenkiger Verbindung. Damit kein Öl verloren ging, musste alles haargenau gearbeitet sein, wie dann überhaupt diese Räder nach der Fertigstellung einen tadellosen Eindruck machten. Sie wurden ja, wie schon gesagt, ganz aus Bronze hergestellt, und alle Flächen waren poliert.

Mit großer Spannung ging es nun an das Ausprobieren, zu welchem Zweck ein Lastwagen entsprechend vorbereitet war. Die Räder wurden auf die Achsen aufgeschoben und befestigt, und auf dem Boden des Fabrikhofes, wo der Wagen ausprobiert wurde, waren entsprechende Schlaglöcher vorgesehen worden. Der Lastwagen wurde mit etwa 20 Mann belastet, und eine weitere Anzahl von Leuten zog dann denselben über die Schlaglöcher hinweg. Die belasteten Speichen sollten sich bei dem Durchfahren der Schlaglöcher ineinander schieben und alsdann bei der Entlastung wieder federnd herausheben und zwar durch den Druck des zusammengepressten Öls. Das Ergebnis war aber gleich Null. Der Konstrukteur ließ aber nicht locker. Nach neuen Überlegungen gab es grundlegende Änderungen, und nach neuen Modellen wurden wieder neue Räder angefertigt und danach ausprobiert. So ging es das ganze Jahr hindurch mit dem einzigen Ergebnis, dass die Räder schließlich verschrottet wurden und der Erfinder ganz beträchtlich erleichtert worden war.

Beschläge für die Zukunft

Es ging dem Sommer 1907 entgegen, als ein Ereignis heranreifte, das meinen von mir ins Auge gefassten Weg völlig änderte, ohne dass ich dies zunächst wollte und ohne dass sich dies auch vorerst voraussehen ließ. Die Firma Friedr. Wilh. Bertram, Söhne, Remscheid, wechselte im Jahre 1906 den Besitzer, und in dieser etwa 30 Arbeiter beschäftigenden Fabrik wurden Waggonbeschläge und als Spezialität Wagentürscharniere gefertigt. Infolge einer scharfen Konkurrenz waren die Verdienste unbefriedigend. Der neue Besitzer, im Übrigen ein tüchtiger und rühriger Kaufmann, aber nicht unbedingt ein Fachmann, fasste den Entschluss, Beschläge für den Wagenbau, insbesondere aber für den im Kommen begriffenen Automobilbau zu fabrizieren und auch Handel damit zu treiben.

Um dieses Vorhaben durchführen zu können, war eine Hilfe erforderlich, die in dem neuen Fach gründliche und fachmännische Kenntnisse besaß. Nichts war nahe liegender, als sich auf der Suche nach einer solchen Kraft an die tonangebenden Firmen des Reiches zu wenden. Durch die Direktion der Firma Kühlstein auf mich aufmerksam gemacht worden, entwickelte sich zwischen dem Chef der Firma Friedr. Wilh. Bertram, Söhne, Remscheid, und mir ein Briefwechsel mit dem Ergebnis, dass ich am 1. November 1907 in diese Firma eintrat. Ende Juli dieses Jahres trat ich aus der Firma Kühlstein aus, schaute mich noch einmal für kurze Zeit in einer kleineren Berliner Luxuswagenfabrik um und nach einer etwa 14 Tage währenden Vergnügungsrundreise über Kiel, Hamburg, Bremen, Münster/Westfalen, Düsseldorf, Köln und Bonn erreichte ich Ende August das Elternhaus.

Die Freude des Wiedersehens wurde etwas getrübt, da bereits einige Tage vorher ein Einberufungsbefehl zu einer vierwöchigen Übung zum 5. Pionierbataillon nach Glogau eingetroffen war. Vier Jahre waren vergangen, seitdem ich als Reservist Speyer/Rhein verlassen hatte, und da ich in dieser Zeit noch zu keiner Übung einberufen worden war, hielt ich einen Antrag zur Befreiung von dieser Übung für aussichtslos und reiste daher rechtzeitig von der Pfalz nach Berlin, wo ich mich zunächst zu stellen hatte und von Berlin in einem Transport nach Glogau fuhr. Die Übung ging zu Ende, und im Anschluss daran reiste ich wieder nach Obermoschel.

Nach einer kurzen Erholungszeit war es Ende Oktober geworden. Ich reiste nach Remscheid und pünktlich trat ich am 1. November 1907 meine neue Stellung in der Firma Friedr. Wilh. Bertram, Söhne, Remscheid, an. Meine zu leistenden Arbeiten waren vertraglich niedergelegt worden, und meine Aufgaben bestanden darin, zunächst diejenigen Artikel, die für den Wagenbau und für die Autobranche die wichtigsten und gängigsten waren, auszusuchen, listenmäßig festzulegen, Musterstücke zu schaffen, Klischees danach fertigen zu lassen und alsdann einen Katalog und eine Preisliste zu erstellen.

Da mir auch die Fabrikation unterstellt war, war es weiter meine Aufgabe, diejenigen Artikel zu bestimmen, die für die vorhandene maschinelle Einrichtung am günstigsten waren. Ferner gehörte es zu meinem Aufgabengebiet, Neuerungen und Verbesserungen zu konstruieren und mich immer zu informieren, welche Neuerungen auf dem Gebiet auf den Markt kamen. Zu diesem Zweck war eine Reisetätigkeit festgelegt worden, und die durch mich zu bereisenden Gebiete wurden besprochen und niedergelegt. Es waren das Rheinland, Süddeutschland, Elsass-Lothringen, die Schweiz und Österreich-Ungarn. Das übrige deutsche Gebiet und einige anschließende Gebiete des Auslandes zu bereisen, behielt sich der Chef vor.

Dass nach Eintritt in diese Firma meine praktische Arbeit beendet war, verstand sich von selbst. Der lange Jahre vorher gefasste Entschluss, mich in Bad Kreuznach selbständig zu machen und dort die Hufbeschlagschule zu übernehmen, war aber damit noch nicht aufgegeben, und ich betrachtete diese Tätigkeit in Remscheid als eine weitere Etappe zur tätigen kaufmännischen Ausbildung und um die rationellen Fabrikationsweisen kennenzulernen. Ich erfasste aber bald, dass die Fabrikation solcher Beschläge in Großserien, wenn richtig angepackt, eine große Zukunft hatte. Da meine Tätigkeit, insbesondere auch meine Reisetätigkeit, von Erfolg gekrönt war, ehrte mich mein Chef und prophezeite mir in seinem Haus eine sehr gute Karriere. Diese für mich neue Arbeit sagte mir sehr zu, und insbesondere gefiel mir das Reisen, das mich in alle großen Städte der genannten Länder führte, da auch nur in diesen sich die großen und maßgebenden Fabriken befanden.

Nach fast zweijähriger Tätigkeit in Remscheid hatte ich auf den Wunsch des Kreuznacher Beschlaglehrers und Freundes meines Vaters eine Aussprache, und nach Beendigung derselben wusste er, dass ich das Vorhaben in Kreuznach aufgegeben hatte. Inzwischen war der Sommer 1909 ins Land gegangen, und nunmehr 28 Jahre alt und immer noch Junggeselle fand ich die Richtigkeit des Bibelspruches bestätigt, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein sei. Das gastliche Haus in Speyer/Rhein und das hübsche und liebenswürdige Töchterchen des Hauses blieben mir immer in frischer Erinnerung.

Im September dieses Jahres musste ich bei einem Pionier-Bataillon in Metz eine vierzehntägige Übung ableisten und nach Beendigung derselben fuhr ich über Obermoschel, um dort einige Tage zu verweilen. Wie vom Himmel gesandt war auch die Käthe aus Speyer zu gleicher Zeit zu Besuch in Obermoschel. Das Wiedersehen war herzlich, und auf den verschiedenen gemeinsamen Spaziergängen beschlossen wir, uns sofort zu verloben. Von den Spaziergängen zurückgekehrt, gaben wir Eltern und Geschwistern Kenntnis von der inzwischen stattgefundenen Verlobung. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlugen die Verlobungsanzeigen bei meinen Freunden in Remscheid und auch bei meinem Chef ein, die absolut keine Ahnung hatten und mir Vorwürfe machten, dass ich noch nie ein Wörtchen darüber gesagt hätte. Das war aber nicht gut möglich, weil ich dies vor meiner Abreise nach Metz ja selbst nicht wusste.

Stolz und glücklich wie ein König erreichte ich einige Tage später wieder Remscheid mit einer neuen Aufgabe, nämlich der, eine passende und schöne Wohnung festzumachen. Das gelang dann auch schnell, und gelegentlich eines Besuches meiner Braut in Remscheid wurden in der Hauptsache die Möbel ausgesucht und gekauft und gemeinsam beschlossen, wie die Wohnung am praktischsten und schönsten einzurichten wäre. Am 23. Dezember 1909 fand unsere Vermählung in Obermoschel statt. Mit dem Glück zog auch für mich die geordnete Lebensweise in die neue Wohnung ein, und diese Ordnung und Zufriedenheit förderten meine Arbeitslust weiter beträchtlich. Ein Zimmer der neuen Wohnung, u.a. auch mit einem Schreibtisch ausgestattet, ähnelte einem Büro, und an diesem Schreibtisch zeichnete und konstruierte ich manche Stunde nach Feierabend.

Die Fabrikation und den Vertrieb von Autoverdecken musste ich als sehr aussichtsreich betrachten, da zu dieser Zeit nur eine Firma in Deutschland diese herstellte. Diese Firma hatte aber ein Patent auf ihr Verdeck, sodass schon was Neues und womöglich noch was Besseres erfunden werden musste, um Erfolg zu haben. Meine Gedanken spielten, und endlich hatte ich eine Idee gefasst und diese auch sofort zeichnerisch festgelegt. Dass diese neue Konstruktion Verbesserungen gegenüber der bisher bekannten aufwies, davon war ich sofort überzeugt. Um aber vollständig klar zu sehen, war praktisches Ausprobieren erforderlich, zu welchem Zweck ich an die Herstellung eines Modells in natürlicher Größe heranging.

Wir bewohnten die erste Etage des Wohnhauses Remscheid, Stachelhauserstraße 9, und der Besitzer des Hauses betrieb in einem kleineren, hinter dem Haus sich befindlichen Fabrikgebäude eine Kunstschlosserei. Auf meine Anfrage hin gestattete er mir für einige Abende die Benutzung seines Schmiedefeuers und seines Ambosses. Zum Ziehen des Blasebalgs und zu sonstigen Helferarbeiten aber benötigte ich noch eine Kraft und diese Kraft fand ich in so entgegenkommender Weise in meiner jungen Frau. In wenigen Abenden war die Arbeit getan, die Versuche durchgeführt, und ich stellte zu meiner großen Genugtuung fest, dass dies neue Verdeck in jeder Beziehung einwandfrei war und damit die Einführung bei der Kundschaft erfolgreich sein müsse.

Ich gab darauf einem Patentanwalt den Auftrag, ein Patent auf diese neue Konstruktion nachzusuchen, welches dann auch später ohne nennenswerte Schwierigkeiten erteilt wurde. Das nächste war nun, meinem Chef Kenntnis davon zu geben und die Fabrikation vorzubereiten bzw. die rationellste Herstellung zu ermitteln. Auch das war eine Tätigkeit, die mir aufgrund des früher Erlernten keine Schwierigkeiten machte. Wir tätigten einen Lizenzvertrag, nach welchem ich von jedem gelieferten Verdeck einen Betrag vergütet erhielt und ferner, dass dieses Verdeck unter Bezeichnung „Patent-Keiper- Verdeck“ in den Verkehr zu bringen sei. Schon aus eigenem Interesse forcierte ich alle Arbeiten, um diesen neuen Artikel schnellstens auf den Markt zu bringen.

Mit einem Miniaturmodell dieses neuen Patent- Keiper-Verdeckes ausgestattet, begann ich zu Beginn des Jahres 1911 meine große Frühjahrsreise, wie dies schon seit einigen Jahren für jedes Jahr festgelegt und üblich war. Das Ergebnis dieser Reise war besonders erfreulich, denn überall empfand man es als nicht günstig, dass man beim Einkaufen von Verdeckgestellen für Automobile nur auf eine Firma angewiesen war. Da auch die neue Konstruktion allgemein ansprach, machte mir der Verkauf von Verdecken keine Schwierigkeiten. Manche neue Geschäftsverbindung ist mir dadurch gelungen, und manchen Auftrag auch in anderen Artikeln des Katalogs habe ich zusätzlich hereinholen können. Mein Chef und ich waren in jeder Beziehung zufrieden.

Von Jahr zu Jahr stieg der Umsatz, nicht allein in den Verdecken, sondern auch in den anderen Artikeln, und der Chef konnte mit Zufriedenheit konstatieren, dass, als er im Jahre 1907 die Einführung der Wagen- und Karosseriebeschläge beschloss, er keine unglückliche Hand hatte. Die zweimal im Jahre von mir durchgeführten Reisen, die ich fast immer an ein und demselben Tage begann und die mich der Reihe nach immer in dieselben Städte führten und zu denselben Kunden, erwiesen sich als vorteilhaft. Bald wussten die Kunden ungefähr, an welchem Tage sie mit meinem Besuch rechnen konnten, und dasjenige, was zu bestellen war, lag dann in der Regel schon in etwa bereit. Es war auch bekannt, was ich gelernt und wo ich in den früheren Jahren praktisch tätig war, und es gab dann in der Regel Besprechungen mit den Betriebsleitungen. In der Regel konnte ich Ratschläge erteilen und Tipps geben, für die man mir immer sehr dankbar war. Dieses und manches andere trugen zu den schönen Reiseerfolgen bei.

Das Leben besteht nun einmal aus ernsten und heiteren Stunden, und manch heitere Stunde aus meiner damaligen Reisetätigkeit ist mir noch im Gedächtnis geblieben. Ein sehr guter Bekannter und Reisender in einer befreundeten Werkzeugfabrik hielt in Bezug auf Körpergewicht weit und breit den Rekord. Er wog so etwa 250 Pfund, und er bereiste unter anderem auch Österreich- Ungarn regelmäßig. Wie das meistens bei den dicken Leuten der Fall ist, sägte er beim Schlafen ganz fürchterlich. Ich kam in Wien an und traf in dem gleichen Hotel, wo ich wohnte, den Freund aus Remscheid. Er legte auf gutes Essen und Trinken einen besonderen Wert, und da es gerade Sonntag war und wir zusammen an einem Tisch saßen, leisteten wir uns zu Mittag etwas Besonderes. Mein Freund stellte das Menü zusammen.

Die Wiener Küche ist schon ohnehin berühmt, und das betreffende Hotel war in dieser Hinsicht eines der besten in Wien. Nach dem Essen begaben wir uns in die Klubsessel des Lesesaales, und es währte nicht lange, da schlief mein Kamerad ein. Er schnarchte auch sogleich und so fürchterlich, dass es in allen angrenzenden Räumen zu hören war. Schnell erschien der Geschäftsführer und weckte ihn. Selbstverständlich verließen wir, um nicht noch einmal zu stören, die Räume. Unsere Reisetätigkeit in Wien hatten wir so eingerichtet, dass wir zusammen fertig wurden.

Der nächste Reiseplatz für uns beide war Budapest, und, wie es manchmal kommt, auch er wohnte immer in dem gleichen Hotel, in dem ich wohnte und zwar im Hotel Jägerhorn. Die Stunden der Bahnfahrt vertrieben wir uns mit Kartenspielen und pünktlich trafen wir abends im Hotel ein. Infolge der sehr starken Besetzung konnten wir nur noch ein Zimmer mit zwei Betten erhalten. Eine andere Wahl blieb nicht. Wir aßen abends ungarisches Gulasch bei ungarischem Wein und lauschten der Zigeunermusik. Dann wurde es Zeit zum Schlafengehen. Meine Befürchtungen, dass ich bezüglich des Schlafens die größten Schwierigkeiten bekommen könnte, denn Holz sägen würde mein Freund bestimmt wieder, bestätigten sich leider. Ich hatte die einzige Hoffnung, schneller als mein Freund einzuschlafen, aber auch hierin täuschte ich mich. Kaum dass mein Freund im Bett lag, schnarchte er. Obwohl ich alles Mögliche versuchte und mir die Decke über den Kopf zog, kam ich nicht zum Einschlafen und wäre auch in dieser Nacht nie dazu gekommen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich nach etwa einer Stunde anzuziehen und zum Portier zu begeben, und ich musste dabei feststellen, dass die Sägetöne des Freundes bis in den Portierraum drangen. Es mag dies vielleicht als übertrieben betrachtet werden, ist aber in der Tat der Fall gewesen. Man bereitete mir behelfsmäßig eine Schlafstelle im Baderaum, und ich war nun glücklich, trotz der engen Verhältnisse meine Ruhe gefunden zu haben.

Etwa ein Jahr später komme ich auf meiner Reiseroute in Prag an. Sonntags wird natürlich auch in Prag nicht gearbeitet, und ich spazierte nachmittags über den Wenzel-Platz. Im Begriff, ein großes Café zu betreten, befand ich mich gerade in der Drehtüre, als in demselben Augenblick mein dicker Reisekollege aus Remscheid auf der entgegengesetzten Seite der Drehtüre das Café verlassen wollte. Wir waren natürlich beide erstaunt, aber auch erfreut, wie klein doch die Welt sei, und nachdem diese Tatsache festgestellt worden war, schlug er in der Drehtüre einen zusätzlichen Halbkreis, denn es machte ihm absolut keine Beschwerden, noch ein zweites Mal den Nachmittagskaffee einzunehmen. Da mein Freund wusste, dass ich als Pfälzer gerne ein gutes Glas Wein trank, machte er mir den Vorschlag, am nächsten Montagabend eine italienische Weinkneipe zu besuchen, denn der Wirt sei ein Original und der italienische Wein in ganz Prag rühmlichst bekannt. Ich kannte diese Kneipe noch nicht und war so gerne bereit.

Wie verabredet trafen wir uns und begaben uns in die besagte Kneipe. Ich fand alles so, wie es mir geschildert worden war und auch, dass der Wein vorzüglich war. Wir tranken natürlich den besten, der zu haben war, denn der Wein war nicht teuer, und schon die Flaschen, in ihrer bauchigen Form und mit Weidengeflecht überzogen, machten einen vorzüglichen Eindruck. Als wir uns endlich entschlossen, den Heimweg anzutreten, stand eine ganze Anzahl leerer Flaschen auf unserem Tisch, und dass wir mehr als genug getrunken hatten, war nicht schwer festzustellen. Wir gelangten gut auf die Straße, und auf dem Weg zu meinem Hotel kam ich auch an demjenigen Hotel vorbei, in dem mein Freund wohnte. Dass derselbe betrunken war, daran hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Dass er aber nicht schwankte, was bei mir leider zutraf, darüber war ich erstaunt. Da er aber seine mächtigen Beine gleich zwei Säulen beim Gehen stark seitlich spreizte, hielt er sich in der Balance, und ich war zuerst erstaunt, was dieser Freund an Alkohol vertragen konnte. Es fiel mir aber auf, dass er kein Wort sprach und etwas Mühe hatte, die Türe des Hotels zu finden. Ich selbst marschierte weiter und traf glücklich in meinem Hotelzimmer ein. Wie sehr meinem Freund aber dieser Rotwein mitgespielt hatte, konnte ich am nächsten Abend feststellen, als ich ihm sagen sollte, wie er eigentlich ins Hotel gekommen wäre. Er selbst wusste es nicht.

Noch zweimal traf ich diesen Reisekollegen auf meiner Österreich-Tour. Wenn wir aber in ein und demselben Hotel über- nachteten, dann traf ich immer Sorge, dass mein Zimmer weitab von dem seinen lag. Er war aber ein tüchtiger Reisender und ein lieber Kamerad, und wir haben uns in Remscheid öfters gegenseitig besucht. Später, nach dem Weltkrieg, nahm er sich einen Kompagnon und gründete seine eigene Firma in der Werkzeugbranche. Wenige Jahre später ist er aber schon gestorben, leider viel zu früh. Er war ein prächtiger Mensch.

Und die Glocken läuteten

Meine Frau und ich und unser dreijähriges Töchterchen reisten Mitte Juli 1914 zur Erholung für drei Wochen in einen im Westerwald gelegenen Luftkurort. Die politische Lage war denkbar schlecht und spitzte sich weiter zu. Da traf in den letzten Tagen des Juli ein Brief von meinem Chef ein, der Hauptmann der Reserve war, der folgenden Wortlaut hatte:

„Mein lieber Herr Keiper!
Die Zeitungsberichte der letzten Tage, die Sie sicherlich auch verfolgt haben, lassen keinen Zweifel mehr daran, dass schon in den nächsten Tagen mit dem Ausbruch eines Krieges gerechnet werden muss. Im Falle der Mobilmachung muss ich schon am zweiten Mobilmachungstag einrücken. Ihr militärisches Verhältnis ist mir leider nicht bekannt, hoffe aber, dass Sie im Falle eines Krieges nicht einzurücken brauchen. Sie würden dann meine Firma, die wir beide zu einer so schönen Entwicklung gebracht haben, während der Kriegsdauer leiten und weiterführen und ich habe die Gewissheit, dass Sie dies ganz in meinem Sinne tun werden. Sollte die Mobilmachung befohlen werden, dann bitte ich Sie, sofort Ihren Urlaub abzubrechen und nach hier zurückzukehren, denn ich möchte Sie noch gerne vor meinem Einrücken sprechen. Und Ihnen und Ihrer Familie noch weiter schöne Urlaubstage wünschend, zeichnet mit vorzüglicher Hochachtung...“

Es konnte fast keinem Zweifel mehr unterliegen, dass es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kam, und da ich selbst am dritten Mobilmachungstag einzurücken hatte, entschloss ich mich, meine Frau und das Töchterchen zu meinen Eltern nach Obermoschel zu geleiten. Am nächsten Tag schon reisten wir ab und fuhren über Neuwied, überquerten zu Fuß die Schiffsbrücke bei Ehrenbreitstein und fuhren von Koblenz über Bingerbrück und Kreuznach nach Obermoschel. Am 31. August nachmittags befand ich mich mit meinem Vater zum Kornmähen auf einem Grundstück, etwa 2 Kilometer vom Städtchen entfernt. Gegen Abend hörten wir plötzlich sämtliche Glocken der beiden Obermoscheler Kirchen läuten, und wir waren uns sofort im Klaren darüber, dass dies den Beginn des Krieges bedeutete.

Am nächsten Vormittag nahm ich noch an einer ergreifenden Feier in Obermoschel teil und nahm daraufhin sofort Abschied von Frau, Kind, Eltern und Geschwistern und erreichte noch am gleichen Abend des ersten Mobilmachungstages Remscheid. Schon in der Frühe des nächsten Tages begab ich mich in das Wohnhaus meines Chefs und hatte Gelegenheit, einige Stunden mit ihm zu sprechen, und er wusste nunmehr auch, dass ich selbst am darauf folgenden Tag einrücken musste. Die Führung des Geschäftes wurde nunmehr an einen anderen Herrn übertragen, der erst am 1. Januar 1914 in die Firma eingetreten war und welcher voraussichtlich nicht Soldat zu werden brauchte.

Nach herzlicher Verabschiedung begaben wir uns zu den befohlenen Truppenteilen. Eine ganze Anzahl Remscheider Pioniere, darunter auch ich, erreichte zwei Tage später das 27. Pionier-Bataillon in Trier. Zwei Tage später rückte die erste Kompanie dieses Bataillons, dem auch ich angehörte, feldmarschmäßig ausgerüstet nach Diedenhofen und besetzte dortselbst das Fort Königsmachern. Einige Monate lang bestand unsere Tätigkeit darin, dieses Fort weiter zu befestigen und zu verstärken. Das Ersatzpionierbataillon 27 verblieb in Trier und hatte die Aufgabe, den Nachschub bzw. die neu eingerückten Rekruten auszubilden.

Es fehlte nunmehr an dem geeigneten Ausbildungspersonal für den umfangreichen und schwierigen Pionierdienst, und dadurch wurde unter einigen anderen Unteroffizieren auch ich zum Ersatzbataillon in Trier kommandiert. In einem Städtchen in der Nähe von Trier waren belgische Zivilisten, die irgendetwas verbrochen hatten, gefangen gesetzt. Nach Abbüßung der Strafe kamen diese in das Gefangenenlager nach Paderborn. Diese Transporte erfolgten unter Begleitung eines Unteroffiziers, und das Ersatzpionierbataillon Trier hatte stets die Begleitung zu stellen.

Als ganz nette Abwechslung wurden die Unteroffiziere der Reihe nach kommandiert, und jeder sollte einmal diesen Vorteil haben. An einem Herbsttag des Jahres 1915, beim Mittagsappell angetreten, erhielt ich den Befehl, mich sofort zum Transport eines Belgiers nach Paderborn fertigzumachen, und am nächsten Tag reiste ich mit demselben nach Paderborn. Da die Fahrtstrecke über Elberfeld-Hagen führte, entschloss ich mich, auf der Rückfahrt Remscheid einen Besuch abzustatten und in der Wohnung, die ja verschlossen war, einmal nach dem Rechten zu sehen. In feldmarschmäßiger Ausrüstung, den Helm auf dem Kopf und mit geschultertem Gewehr, traf ich vor dem Haus ein und setzte die Klingel der Parterre-Wohnung, die vom Hausbesitzer bewohnt war, in Bewegung. Das wiederholte ich ein paar Mal, weil es innen ruhig blieb, hörte aber plötzlich Schritte in der ersten Etage. Das Fenster wurde geöffnet, und wer schaute heraus? Meine Frau.

Meine Frau und ich waren wie aus den Wolken gefallen, denn auch sie hatte ein oder zwei Tage vorher, wie ein Befehl des Himmels, sich nicht mehr davon abhalten lassen, mit dem Töchterchen für einige Tage nach Remscheid zu fahren, um einmal die Wohnung in Ordnung zu bringen und so auch nach dem Rechten zu sehen. Meine Frau war abends angekommen und ich am nächsten Tag gegen Mittag. Nach drei glücklich verlebten Tagen reisten wir zusammen nach Süddeutschland. Von Koblenz aus ging mein Weg wieder nach Trier und der meiner Frau mit Kind nach Obermoschel.

Schon einige Tage später bekam ich meinen ersten Urlaub während des Krieges. Meine Frau war rechtzeitig verständigt worden und auf meinen Vorschlag hin verlebten wir denselben zusammen in Remscheid. Zwei Tage nach Neujahr trafen wir in Remscheid ein, und ich wollte nach meinem Urlaubsplan am 2. Januar des Jahres 1916 der Firma Bertram einen Besuch abstatten. Am Tage vorher ereignete sich aber etwas, womit ich nicht gerechnet hatte und auch nicht rechnen konnte. Selbstverständlich wurde die Silvesternacht gebührend und auch länger als sonst gefeiert, und wir hatten beschlossen, am ersten Neujahrstag etwas länger zu schlafen. Plötzlich aufgeweckt durch die Haustürklingel, begab ich mich notdürftig angezogen zum Flurfenster, und unten an der Haustüre stand der Briefbote mit einem Einschreibebrief. Der Umschlag trug den Namen der Firma Friedr. Wilh. Bertram, Söhne, Remscheid, und der Inhalt brachte mir eine Enttäuschung, wie ich sie größer in meinem bisherigen Leben nie erlebt hatte.

Dieser Einschreibebrief trug die Unterschrift des Mannes, der, wie schon früher gesagt, den Auftrag erhielt, das Geschäft während meiner Abwesenheit und der des Chefs zu führen. Der Chef selbst lag mit seinem Truppenteil um diese Zeit in Belgien. Der Inhalt des Briefes besagte in kurzen und knappen Sätzen, dass die Firma Friedr. Wilh. Bertram, Söhne, Remscheid, die Schutzrechte des Patent-Keiper-Verdeckes (inzwischen war noch ein Zusatzpatent hinzugekommen), weil es sich um eine Angestellten-Erfindung handeln würde, ab sofort als ihr Eigentum betrachtet und daher Lizenzgebühren nicht mehr bezahlt würden. In Anbetracht der Verdienste aber, die ich mir um die Firma erworben hätte, würde man evtl. bereit sein, mich zu entschädigen, jedoch müsste dieserhalb noch verhandelt werden.

Das war natürlich ein gehöriger Dämpfer auf die frohen Stunden des Urlaubs und der Festtage, und meine ersten Gedanken und Äußerungen waren die, dass uns dieser Brief nicht das Unglück, sondern vielleicht sogar das Glück ins Haus gebracht habe. Denn obwohl ich in der Firma Friedr. Wilh. Bertram, Söhne, Remscheid, inzwischen eine sehr gute Stellung und zuzüglich der Lizenzgebühren ein beträchtliches Einkommen hatte, ging mir der Plan zur Gründung eines eigenen Geschäftes nie aus dem Kopf. Die etwas gedrückte Stimmung an diesem Neujahrsvormittag schlug bald in das Gegenteil um, denn ich fühlte mich in jeder Beziehung, nicht allein im Bezug des eigenen Könnens, sondern auch der eigenen finanziellen Lage, durchaus stark genug, nach Schluss des Krieges zur Gründung einer eigenen Firma zu schreiten. Ich war aber noch empört darüber, dass ein um fast 10 Jahre jüngerer Mann, der mir unterstellt war und zu Hause in der warmen Stube sitzen konnte, anstatt Soldat zu sein, mir einen solchen Brief in die Wohnung schicken konnte, und das ausgerechnet gelegentlich meines ersten Kriegsurlaubes am ersten Tag des neuen Jahres. Anstatt eines schönen Neujahrsgrußes mit den besten Wünschen zum Jahreswechsel schickte mir dieser Mann einen solchen Brief ins Haus.

Um so was zu verdauen, gehört wahrhaftig ein guter Magen dazu, und den hatte ich Gott sei Dank. Der Brief blieb unbeantwortet, und selbstverständlich unterblieb auch mein beabsichtigter Besuch, den ich am nächsten Tag, dem zweiten Januar, dem Hause Bertram abstatten wollte. Nach Beendigung des Urlaubs reiste ich zu meiner Formation zurück, und als ich die Gewissheit hatte, dass die Firma ihren Pflichten aus dem Lizenzvertrag nicht mehr nachkam, reichte ich die Klage ein und übergab die Streitsache einem Rechtsanwalt aus Elberfeld.

Im März 1916 wurde innerhalb des Ersatzbataillons ein schwerer Minenwerferzug zusammengestellt, um in der Minenwerferschule in Markendorf bei Berlin eine vierwöchige Ausbildung zu erhalten und um danach an die Front abzurücken. Mit diesem Minenwerferzug reiste ich am 1. April 1916 nach Markendorf. Während dieser Ausbildungszeit, etwa um die Mitte des Monats, erhielt ich die traurige telegraphische Nachricht, dass mein ältester Bruder Karl ganz unerwartet gestorben sei. Er war dienstverpflichtet und erlag in einem Lazarett einer Lungenentzündung. Ich erbat mir sofort Urlaub, den ich auch erhielt, um meinem von mir so hochgeschätzten und geliebten Bruder Karl das letzte Geleit zu geben. Als ich aber in Obermoschel eintraf, war die Beerdigung schon vorbei. Das Mal, welches sein Grab in Obermoschel schmückt, wurde in meinem Auftrag von dem Wuppertaler Künstler und Bildhauer Coopmann gefertigt.

Mein Bruder Karl hatte mir so viel Wertvolles gegeben, und ich fand nunmehr nur noch die eine Möglichkeit, ihm durch diese meine Stiftung meinen Dank abzustatten. Wir waren auch während meiner Remscheider Tätigkeit in ständigem Briefwechsel und Gedankenaustausch geblieben. Ich kam oft gelegentlich meiner Geschäftsreisen nach Obermoschel, und er kam zu mir nach Remscheid. Nur 45 Jahre alt geworden, war ein überaus tüchtiger und fleißiger Handwerksmeister viel zu früh mit ihm dahingegangen. Er hinterließ eine Witwe und einen dreijährigen Sohn.

Aber auch mein Vater sollte das Ende des Weltkrieges nicht erleben. Er starb etwa ein Jahr früher im Juli 1915 im Alter von 75 Jahren. Noch vor Beginn des Krieges war er für sein Alter außerordentlich rüstig. Aber die Sorgen des Krieges und diejenigen um sein geliebtes Deutschland, einen nicht guten Ausgang vorausahnend, drückten ihn allmählich nieder. Drei Söhne und ein Schwiegersohn waren zum Heer eingerückt. Die 251. Reservedivision, der ich angehörte, kam nach harten Kämpfen in der Champagne für kürzere Zeit nach rückwärts in ein Ruhequartier.

An einem dieser Tage im Sommer 1917 erhielt ich einen Brief von meinem Rechtsanwalt aus Wuppertal mit der erfreulichen Nachricht, dass der Patentprozess gegen Bertram vor dem Landgericht Elberfeld zu meinen Gunsten entschieden worden sei. Die Firma Bertram, Remscheid, gab aber den Kampf noch nicht auf. Sie legte Berufung ein, und der Prozess kam vor das Oberlandesgericht Düsseldorf.

Als Minenwerferkompanie waren wir mit zwei schweren, vier mittleren und sechs leichteren Minenwerfern und dazu 64 Pferden ausgerüstet. Unser Veterinär wurde zu einem anderen Truppenteil kommandiert, und der Fahnenschmied wurde krank. Beide mussten unter allen Umständen ersetzt werden. Die Besetzung machte aber Schwierigkeiten, und insbesondere mangelte es an Veterinären. Mein Beruf war aus meinem Militärpass ersichtlich. Der Kompaniechef ließ mich zu sich rufen und erklärte mir, dass er mich zum Fahnenschmied der Kompanie ernannt habe und dass ich gleichzeitig einen viermonatigen Kursus in einem Pferdelazarett zu besuchen habe, um danach auch die Stelle des Veterinärs zu versehen. Nach meiner Rückkehr aus dem Pferdelazarett übernahm ich die neue Tätigkeit und behielt diese bis zum Ende des Krieges.

In der Sommeschlacht 1916 wurde mir das Eiserne Kreuz II. Kl. verliehen. In der ersten und zweiten großen Offensive des Jahres 1918 ergab sich, dass die schweren Minenwerfer für solche Schlachten nicht geeignet waren, und der schwere Minenwerferzug, zu dem ich gehörte, wurde aufgelöst. Die Folge war, dass ich zu einem ostpreußischen Artillerieregiment versetzt wurde, in meiner gleichen Eigenschaft als Fahnenschmied und Veterinärstellvertreter. Wir befanden uns in einer Artilleriestellung in der Nähe von Rethel, als wir die Nachricht von dem Waffenstillstand erhielten.

Wenige Tage später befanden wir uns auf dem Rückzug zum Rhein. Der Marsch ging über Sedan, durch Luxemburg nach Andernach. Dort wurde ich entlassen und fuhr sofort über Bingen und Münster/ Stein nach Obermoschel zu meiner Familie. Da schon wenige Tage später die nachmarschierenden französischen Truppen erwartet wurden, machte ich mich mit meiner Frau und dem Töchterchen frühzeitig genug aus dem Staube, und wir erreichten Anfang Dezember 1918 Remscheid. Die Uniform, die ich als aktiver Soldat zwei Jahre lang und im Krieg mehr als vier Jahre getragen hatte, kam an den Nagel, und an dessen Stelle trat die schon so lange herbeigesehnte Zivilkleidung. Ein neuer und für mich der wichtigste Lebensabschnitt nahm seinen Anfang.

Aus: Ulrich Putsch / Martin Putsch (Hg.): In Bewegung. Der Automobilzulieferer Keiper. Geschichte und Geschichten aus den Jahren 1920 bis 2011. 312 Seiten. Erschienen Dezember 2011. ISBN 978-3-00-036573-7

Text und Fotos mit freundlicher Genehmigung der
PUTSCH GmbH & Co. KG
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